Die zweiteilige „Parabel“-Romanreihe ist ein Science-Fiction-Klassiker aus den neunziger Jahren, der erst im Nachhinein von vielen als Solarpunk klassifiziert wurde. Die Welt der Romane ist brutal, traumatisierend – und leider alles andere als unrealistisch. Trotzdem enthält sie genügend hoffnungsvolle Elemente, dass das Label meiner Meinung nach gerechtfertigt ist.

Über Octavia Butler
Octavia Butler ist eine Ikone in feministischen und Schwarzen Communitys. Als Kind machten ihr Schüchternheit und Dyslexie zu schaffen, und fantastische Geschichten wurden für sie zu Rückzugsorten aus einer harschen Realität; heute gilt Octavia Butler als eine Vorreiterin des Afrofuturismus. Die meisten ihrer Geschichten haben weibliche und/oder Schwarze Hauptfiguren, was zu ihrer Zeit im Science-Fiction noch die absolute Ausnahme darstellte. Ein häufiges Thema ist zudem die Bildung von Partnerschaften und Gemeinschaften, die die Grenzen zwischen Kulturen, Ethnien oder sogar Spezies überschreiten.
Hyperempathie in einer grausamen Welt
Die Hauptfigur ist eine Schwarze junge Frau namens Lauren, die mit ihrer Familie in einer von Mauern gesicherten Nachbarschaft in der Nähe von Los Angeles wohnt. Die Familie kann vom Gehalt des Vaters kaum leben und ist auf Selbstversorgung und Nachbarschaftshilfe angewiesen. Außerhalb der Mauern sieht es noch schlimmer aus – hier haben gewalttätige Gangs das Sagen, und ein erheblicher Anteil der Bevölkerung ist drogenabhängig, verzweifelt und hat nichts mehr zu verlieren.
Lauren ist seit ihrer Geburt hyperempathisch – sie empfindet die Schmerzen anderer genauso intensiv, als wären es ihre eigenen (das wird später zum Problem, wenn sie sich z.b. verteidigen muss). Und sie hat eine Vision: Seit ihrer Kindheit hat sie ihre persönliche Religion namens Erdensaat entwickelt, die eine Vereinigung der Menschheit über den Weg ins Weltall vorsieht. Als Laurens Nachbarschaft überfallen und niedergebrannt wird, macht sie sich zusammen mit Bekannten auf den Weg in den Norden, wo die Gesellschaft noch nicht ganz so zerrissen sein soll.
Make america great again
Eins vorab: Die Reihe sollte definitiv Triggerwarnungen enthalten; unter anderem kommen sexuelle Gewalt, Mord, Folter und Sklaverei darin vor. Die beiden Romane spielen in den Vereinigten Staaten in den 2020ern, und viele Aspekte der beschriebenen Gesellschaft lassen Butler geradezu visionär erscheinen: die Ungleichheit ist kaum mehr beschreibbar, Arbeitnehmer:innenrechte wurden immer stärker zurückgeschnitten (bis zu dem Punkt, an dem Sklaverei de facto in manchen Teilen wieder legal ist), Drogenepidemien und Schusswaffen sorgen für tausende Tote. In dieser Situation kommt ein neuer Präsident mit dem Slogan „make america great again“ und der Unterstützung radikaler evangelikaler Kreise an die Macht; sein Programm besteht darin, all diese Entwicklungen nur noch stärker zu beschleunigen, das Recht des Stärkeren als oberste Maxime durchzusetzen und ganze Bevölkerungsgruppen als Monster darzustellen. Die Parabel-Serie sollte ursprünglich eine Trilogie werden, aber die Recherche und das Worldbuilding dieser brutalen Zukunft machte Butlers Psyche laut eigener Aussage sehr zu schaffen, und sie verstarb, bevor sie den dritten Teil beginnen konnte.
Gleichzeitig wird die Geschichte geprägt von Menschen, die nicht bereit sind, ihre Hoffnung oder ihre Menschlichkeit aufzugeben. Tatsächlich ist die Gratwanderung zwischen Selbstschutz und Solidarität ein zentrales, sich wiederholendes Thema: Wie können wir für andere da sein in einer Welt, in der so viel Verzweiflung und Instabilität herrscht und wir kaum jemandem trauen können? Lauren versucht das regelmäßig – manchmal wird das bestraft, aber in anderen Situationen baut sie dadurch Beziehungen und Vertrauen auf. Sie ist so überzeugt von ihrer Vision einer besseren Zukunft und einer vereinigten Menschheit, dass sie auch in den ausweglosesten Situationen Hoffnung schöpfen kann. Und diese Hoffnung ist ansteckend: Bald hat Lauren eine große Gemeinschaft um sich, die aufeinander Acht gibt und so dem Teufelskreis aus Misstrauen und Vereinzelung zumindest teilweise entfliehen kann.
Die Parabel-Bücher sind bestimmt nicht das, woran die meisten Menschen als Erstes denken, wenn sie Solarpunk hören. Ich halte sie für eine extrem wichtige Perspektive, die die optimistischeren Szenarien ergänzt und aufzeigt, dass Hoffnung und Visionen gerade dann wichtig sind, wenn alles sehr düster aussieht.
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