Solarpunk ist wünschenswert – und realistisch!

Solarpunk unterscheidet sich von anderen Fantasy- und Science-Fiction-Genres, weil die Geschichten darin sowohl wünschenswert als auch realistisch sind. Dieses Schema kann helfen, das Genre besser zu verstehen, Geschichten darin einzuordnen – und auch neue Geschichten zu entdecken, die unsere Vorstellungskraft von besseren Zukünften stärken.

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Ich liebe Kategorien! Einer der ersten Posts auf diesem Blog war eine erste Annäherung an verschiedene Zeithorizonte, in denen Solarpunk-Geschichten spielen können. In den letzten Tagen hab ich über eine weitere Möglichkeit nachgedacht, das Genre zu kategorisieren. Grundsätzlich lässt sich Solarpunk als ein Genre definieren, das eine Zukunft abbildet, die sowohl wünschenswert als auch realistisch ist. Wünschenswert ist natürlich relativ – es gibt sicherlich auch Menschen, die sich eine Recht-des-Stärkeren Welt wie in der Grimdark-Serie Game of Thrones wünschen (Faschos zum Beispiel). Solarpunk vertritt eher das Ideal, allen Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen und dafür progressive Werte und Gleichheit zu fördern.1

Auch der Begriff Realismus muss noch etwas besser definiert werden. Ich habe keine abschließende Definition. Aber grundsätzlich geht es mir darum, dass Geschichten sich so anfühlen, als könnten sie tatsächlich in einer möglichen Zukunft der Erde stattfinden – zum Beispiel, indem sie das Problem der Klimakatastrophe und anderer planetarer Grenzen ernst nehmen (statt sie zu ignorieren oder magische Lösungen zu beschreiben), und indem Transformationsprozesse globale Machtverhältnisse einbeziehen. Das ist oft eine Gratwanderung, denn angesichts der momentanen Zustände könnte man auch argumentieren, dass dystopische Cyberpunk-Geschichten inhärent realistischer sind. Ich glaube, das unterschätzt aber das Veränderungspotential, das wir als Menschheit haben – und die vielen Prozesse, die schon in diese Richtung laufen.

Man könnte den Begriff Realismus auch noch weiter aufspalten – zum Beispiel im Hinblick auf Technologien, Machtverhältnisse, Settings auf der Erde vs. außerhalb, oder die Beschreibung bestimmter Kulturen oder marginalisierter Gruppen – aber für den Moment soll das reichen. Dazu kommt, dass sehr viel Expertise (z.B. in technischen, naturwissenschaftlichen, soziologischen Fragen) notwendig ist, um den Realismus-Grad der Szenarien fundiert einzuordnen – und das gilt umso mehr, je weiter die Geschichten in der Zukunft verortet sind.

Das Genre kartieren

Mit diesen beiden Faktoren lassen sich auch Romane innerhalb des Solarpunk-Genres kategorisieren. Diese Übersicht ist weder vollständig noch in Stein gemeißelt – es ist eher eine gefühlte, subjektive Momentaufnahme von Geschichten, die ich gelesen (und zum Großteil auch schon auf dem Blog rezensiert) habe:

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Auf der einen Seite gibt es tolle Wohlfühl-Szenarien wie zum Beispiel Dex und Helmling, deren Setting aber nicht in allen Bereichen realistisch wirkt (allein durch die Tatsache, dass sie nicht auf diesem Planeten spielen, können sie schwer unsere Zukunft darstellen). Das andere Extrem wären Geschichten wie die Parabelserie, die eine brutale, aber in meinen Augen (leider) sehr realistische Zukunft abbilden. Und dann gibt es eine Menge Geschichten, die einen Mittelweg dazwischen finden – wie A half-built garden, Walkaway, die Hoffnungsschimmer-Quadrilogie und Das Ministerium für Zukunft.

Eine offene Frage ist für mich, ob es überhaupt möglich ist, Geschichten extrem wünschenswert UND realistisch zu schreiben (also ganz oben rechts verortet), oder ob dazu unsere Ausgangslage zu schlecht ist. Vielleicht wäre eine Möglichkeit dafür, eine Geschichte weiter in die Zukunft zu verlagern, sodass der Transformationsprozess dahin unseren momentanen Problemen gerecht werden kann, das letztendliche Szenario aber trotzdem großartig wirkt? Meiner Meinung nach gibt es DEN Solarpunk-Roman noch nicht (wie es zum Bespiel Neuromancer für Cyberpunk für viele ist), und vielleicht wird es ihn nie geben – aber mir macht es Mut, dass anscheinend immer mehr Autor:innen solarpunk(ähnliche) Settings nutzen (die meisten meiner Lieblingsgeschichten sind z.B. erst in den letzten 5 Jahren erschienen).

Die Zukunft ist noch nicht geschrieben

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Mit diesem Schema lässt sich auch eine Entwicklung innerhalb der Geschichten zeichnen. In vielen Romanen entwickelt sich die Lage der Welt nämlich zum Besseren. Interessanterweise würde ich auch sagen, dass das bei vielen Geschichten auf Kosten des Realismus geht, weil die gefundenen Lösungen unterkomplex wirken. Das soll keine Kritik sein – es ist ein monumentales Unterfangen, im Medium eines Romans so einen komplexen Transformationsprozess zu skizzieren; und meine Erfahrung ist, dass dies auch oft zulasten von Lesbarkeit, Story und Charakterentwicklung geht.

Ich habe jedenfalls größten Respekt vor allen Autor:innen in diesem anspruchsvollen Genre; und manchmal ist mein Eindruck, dass es Unterstützungsstrukturen für solche Autor:innen geben müsste, damit sie diese Aufgaben nicht allein schultern müssen (tatsächlich hab ich mal versucht, ein ähnliches Projekt auf Mastodon anzustoßen, hab aber nicht die Kapazitäten das ernsthaft anzugehen). In jedem Fall bin ich extrem gespannt auf alles, was in dem Genre in Zukunft noch veröffentlicht wird!

  1. Noch eine kurze Anmeldung zu Hopepunk: Das ist ein tolles Genre vor allem im Fantasy- und Science-Fictionbereich, das ähnlich wie Solarpunk Gemeinschaft, Hoffnung durch Handeln und radikale Freundlichkeit ins Zentrum stellt. Die Unterschiede bestehen meiner Meinung nach darin, dass Hopepunk – anders als Solarpunk – nicht unbedingt einen ökologischen Fokus haben muss und zum Beispiel auch in Fantasy-Welten oder alternativen Gegenwarten spielen kann (daher die Einordnung als weniger realistisch). Solarpunk ist also quasi ein strenger definiertes Untergenre von Hopepunk, derzeit aber auch sehr viel bekannter als letzteres. ↩︎

4 Gedanken zu “Solarpunk ist wünschenswert – und realistisch!

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