Über den Gartenzaun

Eine Gemeinschaft mit großen Träumen bringt frischen Wind in ein eingeschlafenes Dorf, irritiert aber auch die Alteingesessenen. Eine Solarpunk-Kurzgeschichte der Bewegungsakademie

Versteh ich nicht, was das hier alles soll. Und das Gras wächst mal wieder viel zu hoch!“, kopfschüttelnd geht Herr Meier auf seinem gewohnten Spaziergang am Garten der alten Fuchsmühle vorbei. Vor ein paar Jahren hat eine Gruppe junger Menschen das Grundstück der Mühle in seiner Straße gekauft. Und nicht nur dieses Grundstück – auch zwei weitere mit Wohnhäusern und Scheunen mit dazu! Woher diese jungen Leute das Geld haben, fragt er sich schon. Am Anfang dachte er, das wäre eine Sekte, die hier eingezogen ist. Bei der Brücke über dem Schemmerbach ist gerade ein Schild angebracht: „Heute Kennlerncafé im Fuchsgarten. Komm vorbei :)!“, steht da. Mit Smiley. Vorsichtig lugt Herr Meier hinüber. Neugierig ist er ja schon, aber das, was die da drüben so veranstalten, fühlt sich auch etwas fremd an.

Als er auf dem Rückweg wieder an der Brücke vorbeikommt, sitzen da zwei junge Menschen, die sich unterhalten. „Hallo, kommst du auch zum Kennenlerncafé vorbei?“ „Ähh, ich wollte mal kurz vorbeischauen, ja“, entscheidet er. „Wie schön, ich komm mit nach drüben, wollte mir eh nochmal ein Stück Kuchen holen.“, sagt einer der sitzenden Menschen grinsend und springt auf.

„Ich bin Nikki, am liebsten ohne Pronomen, also einfach Nikki. Und du?“ Herr Meier zieht verwirrt die Augenbrauen zusammen. „Walter Meier“, sagt er während sie die Wiese überqueren zum Kuchenbuffet. „Und mit welchen Pronomen möchtest du gern angesprochen werden?“, fragt Nikki. Herr Meier erspäht Namensschilder bei den Menschen um sie herum, auf denen unter den Namen Worte stehen wie „sie, keins, er, alle, they, …“. „Er“, brummt Herr Meier. Der Kuchen schmeckt immerhin gut, auch wenn da „vegan“ dran stand, und die Leute sind erstmal ganz nett.

„Für alle, die gern bei der Führung mitmachen wollen: Es geht los!“, ruft Nikki, in einer Traube von Menschen stehend. Herr Meier stellt sich mal dazu. „Schön, dass ihr da seid! Willkommen im Commonsgarten der Fuchsmühle. Wir nennen den so, weil dieser Ort keinem einzelnen Menschen gehört, sondern wir gemeinsam für den Ort sorgen und ihn verwalten. Das Grundstück ist Eigentum der Genossenschaft, in der wir alle Mitglied sind. Wir konnten es kaufen, weil viele Menschen uns Direktkredite gegeben haben. So kann das Geld etwas bewirken und bei Bedarf auch wieder ausgezahlt werden.“

„Die Sorgearbeit übernehmen hier alle. Wir finden, dass Putzen, Pflegen, Kinderversorgen und Kochen auch wichtige Arbeiten sind und mehr wertgeschätzt werden sollten.“ macht Nikki weiter. „So ist es! Das sag ich schon seit 60 Jahren!“, ruft eine ältere Dame und knufft den neben ihr stehenden Mann, der betreten in seinen Bart brummelt. „Rasenmähen hättet ihr aber schon mal machen können. Wie sieht das denn aus!“, fügt sie etwas schroff hinzu. „Hier hinten mähen wir nicht, wegen der Insekten und Vögel. Nur da vorne, wo wir uns auch mehr aufhalten, wird das Gras gemäht“, antwortet Nikki. „Hier legen wir außerdem gerade einen essbaren Garten an. Es wurden schon einige Sträucher gepflanzt.“

Die Gruppe läuft über die Wiese, sodass alle die Scheune, die Mühle und den Garten besser überblicken können. „Bei uns ist viel auf dem Solidaritätsgedanken aufgebaut. Für Miete und Essen gibt es keine festen Preise, sondern jede gibt, was sie kann. Die großen Dinge entscheiden wir gemeinsam im Plenum, es gibt also keinen Chef hier.” Mit seinen Chefs hat sich Herr Meier nie gut verstanden, als er noch arbeiten musste. Aber alles gemeinsam entscheiden? Klingt anstrengend. „Natürlich machen wir nicht alles zusammen. Vieles wird in Kleingruppen erarbeitet, die verschiedene Bereiche abdecken, wie z.B. unsere Fahrradwerkstatt.“ Von der hat Herr Meier auch schon mal gehört. Menschen können da einfach vorbeikommen und ihren Reifen flicken. Findet er eigentlich ganz gut. „Leute von außerhalb können da auch immer gern mitmachen. In der Fahrradwerkstatt suchen wir zum Beispiel noch Leute, die mit uns die alten Lastenräder flottmachen.” Jetzt wird Herr Meier hellhörig. Mit Fahrrädern kennt er sich aus – er hat schließlich 15 Jahre lang die Fahrräder seiner Kinder repariert und viele schöne Radtouren mit ihnen gemacht.

Es geht weiter mit der Führung. Vieles klingt anders als Herr Meier das so kennt – Plenum, Kommunikationskultur, Commoning… Aber es hört sich an sich ganz interessant an, und die jungen Leute wirken sympathisch. Er mag, wenn Menschen große Ideen haben und anpacken können. Vielleicht kommt er nächste Woche auch mal mit seinem Werkzeugkasten vorbei.


Diese Geschichte ist Teil des Workshopkonzepts „Solarpunk! Bilder einer hoffnungsvollen Zukunft“, CC-BY Bewegungsakademie

Website des Projekts: https://fuchsmuehle.org/

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