All an!

Ich mag Romane, die aus einer Vogelperspektive schreiben – die Entwicklungen über große Zeiträume skizzieren und weiterdenken. All An! ist so ein Roman und liefert spannende Impulse im Hinblick auf Transformation, KI-Entwicklung, Raumfahrt, virtuelle Welten und globale demokratische Prozesse und vieles mehr für Solarpunk-Zukünfte.

Kai-Holger Brassel hat erst mit 60 angefangen zu schreiben; All An! ist sein Debütroman, im Selbstverlag herausgegeben – und hat mit dem Seraph 2025 gleich einen der wichtigsten deutschen Science-Fiction-Preise abräumen können. Chapeau! Verdient, wenn man mich fragt.

Insgesamt liest sich das Buch sehr fundiert und spannend, wenn auch an einigen Stellen etwas verkopft; manche Figuren sind flach, haben wenig Entwicklung und scheinen nur dazu da zu sein z.b. die Systemtheorie zu erklären. Für einen Debütroman ist das aber absolut entschuldbar – und im übrigen ein Problem, dem selbst Genregrößen wie Kim Stanley Robinson (mit dessen Roman „Das Ministerium für die Zukunft“ dieser hier oft verglichen wird) oder Cory Doctorow noch erliegen.1

Das kluge Worldbuilding in All an! und insbesondere die spannenden Ideen zu einem möglichen Transformationspfad wiegen das jedenfalls mehr als auf.

Spoiler-Warnung

Normalerweise versuche ich in Buchrezensionen, Spoiler zu vermeiden. Das werde ich hier nicht komplett schaffen – dafür erstreckt sich die Handlung über zu große Zeiträume. Wenn ihr also eh fest vorhabt, das Buch zu lesen (ich empfehle es!) – überlegt euch gut, wie viel von diesem Artikel ihr lesen wollt. 😉

All An! ist in drei Abschnitte unterteilt und erstreckt sich über einen Zeitraum von 100 Jahren. Im ersten Abschnitt (ab ) bedroht ein riesiger Meteorit die Erde; der Einschlag kann durch einen Geheimplan einer UN-Untergruppe nicht nur vereitelt werden; die Abwendung der Katastrophe schweißt große Teile der Menschheit zusammen, und rüttelt sie wach und wirkt so als Katalysator des Wandels. Das ist bereits spannend geschrieben, aber nur der Auftakt für eine große Vision einer besseren Zukunft.

Transformation

Der zweite Teil beschreibt die nachfolgenden fünfzig Jahre. Nationalstaaten haben in der Meteoritenkrise viel Vertrauen eingebüßt, nicht zuletzt weil sie den Plan zur Abwendung der Katastrophe aus egoistischen Interessen beinahe hätten scheitern lassen. Viele zerfallen, und die Gebiete stehen dann entweder unter lokaler Selbstverwaltung oder werden von der Nachfolgeorganisation der UN, der Vereinten Menschheit (UM) verwaltet. Ein Flickenteppich aus überschaubaren lokalen Gemeinschaften entsteht, die Globalisierung wird zurückgeschraubt.

Der UM gelingt es durch einige geschickte Schachzüge, einen globalen Transformationsprozess anzustoßen, der von der Mehrheit der Menschen demokratisch mitgestaltet und -getragen wird. Eine tragende Rolle spielt dabei eine virtuelle Realität, in der Menschen zukünftige Entwicklungen vorauserleben können und ihr Leben und das Gemeinwesen an die so erlebte Zukunftsvision anpassen können.

The Good, the Bad and the Rangers

Die Menschheit spaltet sich dabei in drei Fraktionen: Die Äußeren, an Kooperation und fremden Kulturen interessierten Gemeinschaften, die sich unter dem Dach der Vereinten Menschheit sammeln und damit Menschenrechte, Klimaauflagen und ein Religionsverbot mittragen; die Inneren, konservativ-rechte, die in theokratischen Gottesstaaten, Monarchien und faschistischen Mini-Diktaturen leben; und die Natürlichen, die in den neu geschaffenen, riesigen Naturschutz-Reservaten leben, deren Wohlergehen sicherstellen und dadurch auch eine Pufferzone zwischen Inneren und Äußeren bilden.

Ich finde diese Vision interessant (wenn auch etwas dualistisch) und empfinde sie als sehr gute Schnittmenge zwischen wünschenswert und realistisch. Die Bevölkerungen der Regionen entscheiden sich jeweils durch Volksabstimmungen für ihre Zugehörigkeit; und zumindest unter dem Dach der UM bekommen Menschen die Gelegenheit, in die jeweils anderen Fraktionen zu wechseln.

Es wird eben auch in Zukunft noch chauvinistische, rassistische und hierarchie-liebende Menschen geben; diese werden nicht plötzlich zu Menschenrechtsverfechter:innen werden. Und sie geben diese Einstellungen auch an ihre Kinder weiter. Die Spaltung ist also ein schmerzhafter Kompromiss zwischen „wir können sie nicht zwingen“ und „wir können sicherstellen, dass möglichst viele Menschen frei von ihnen leben“.

Natürlich ist das trotzdem eine Tragödie für diejenigen, die unfreiwillig weiter in den Gebieten der Inneren leben müssen – oder nie erfahren, wie ihr Leben sonst sein könnte. Umso mehr hab ich mich über ein Kapitel gefreut, in dem zwei spätere Hauptpersonen mithilfe einer klugen Intervention einen Ausweg aus einer afrikanischen Monarchie finden.

Eine weitere Konfliktlinie dreht sich um die Entwicklung, die Rechte und letztendlich die Emanzipation künstlicher Intelligenzen als Personen – hier zeigt der Autor viel Kreativität mit gut überlegten Innenansichten der KIs, die ich nicht spoilern will!

Raumfahrt als Spaltpilz

Im dritten Teil ist die Transformation weitgehend abgeschlossen – die Menschheit wirtschaftet in den Grenzen des Planeten, und die Schäden der Klimakatastrophe werden langsam repariert. Allerdings gibt es auch in dieser Welt harte Konfliktlinien: Das letzte Kapitel ist ein spannender Schlagabtausch zwischen einigen, die die Eroberung des Weltalls als wichtigste Aufgabe der Menschheit empfinden, und denen, die das als Zeitverschwendung empfinden und lieber für einen Bruchteil der Ressourcen aus der Ferne, per Teleskop, beobachten wollen.

Raumfahrt ist ein extrem beliebter Trope in Science-Fiction, mit vielen Sehnsüchten angereichert; im Solarpunk ist sie eher ein Spaltpilz, weil der Ressourcenverbrauch astronomisch (<-lol), der Nutzen zweifelhaft und die Durchführung oft elitär und kolonialistisch geprägt ist. Kai-Holger Brassel schafft es, diesen Konflikt in eine tolle Geschichte mit überraschendem Ende zu verpacken.

  1. Ich glaube inzwischen, das ist auch ein Solarpunk-Grundproblem – denn wie soll man die erdachten komplexen Systeme und Zusammenhänge sonst einbauen? Hier stößt der Ratschlag „show, don’t tell“, den Schriftsteller:innen oft hören, an seine Grenzen. Man kann nur durch äußere Beschreibungen eben nicht die Vorteile und das emanzipatorische Potential einer geldlosen Wirtschaft, eines direktdemokratischen Entscheidungssystems oder einer Welt ohne Gefängnisse aufzeigen. ↩︎

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