Jedes Genre entwickelt irgendwann Tropes: Kernelemente, die das Genre ausmachen, die von Leser:innen erwartet werden und die Künstler:innen kreativ nutzen können. Gibt es so etwas auch schon im Solarpunk?
Solarpunk ist nach wie vor ein sehr junges Genre und hat deswegen noch keinen Baukasten mit festen Regeln. Es ist eher ein gemeinsames Vorstellen: Wie könnte eine gute Zukunft aussehen, wenn wir Technik, Natur und Gesellschaft nicht gegeneinander ausspielen? Dabei haben sich schon bestimmte Bilder, Motive und Erzählmuster herausgebildet, die häufiger vorkommen. Tropes eben. Nicht als Klischees gedacht, sondern als Spielelemente. Und ja, manchmal werden Tropes kitschig. Dann ist es Zeit, sie weiterzudenken, zu politisieren oder auch zu brechen.
Zeppeline
Fangen wir oben an: Zeppeline. In Solarpunk-Geschichten und -Bildern tauchen sie ständig auf, weil sie eine langsame, nachhaltige, gemeinschaftliche Mobilität symbolisieren. Zeppeline sind schwebende Infrastruktur. Sie sagen: Wir haben es nicht eilig, wir teilen Wege, und wir bleiben vernetzt – aber wir verbrennen dafür nicht die Zukunft. Sie stehen für eine entschleunigte Globalisierung statt Abschottung oder Hyperbeschleunigung.
Pilze
Dann gib die Pilze. Pilze sind die heimlichen Stars des Solarpunk. Sie recyceln, vernetzen, heilen Böden und wachsen dort, wo andere längst aufgegeben haben. Myzelien sind das perfekte Bild für Commons-Logik: dezentral, kooperativ, widerstandsfähig. Wenn im Solarpunk jemand aus Abfällen neue Materialien züchtet, sind Pilze nie weit. Sie erinnern auch daran, dass Intelligenz nicht nur menschlich oder digital ist.
3D-Drucker
3D-Drucker stehen für lokale Produktion, Autonomie und eine Wirtschaft jenseits der Knappheit. Nicht als Spielzeug für Tech-Nerds, sondern als Grundversorgung in Werkstätten, Nachbarschaftszentren und Krisengebieten. Ersatzteile, Prothesen, Werkzeuge können so dort hergestellt werden, wo sie gebraucht werden. Auch wenn es heute noch meistens so ist: Hochtechnologie muss nicht zentralisiert, Privatbesitz oder profitorientiert sein.
Katastrophenhilfe
Das nächste Trope ist Katastrophenhilfe als wiederkehrendes Motiv. Solarpunk blendet Krisen nicht aus, im Gegenteil. Überschwemmungen, Hitzewellen, Stürme passieren – und werden in Zukunft immer häufiger werden. Der Unterschied zu dystopischen Geschichten besteht darin, dass die Antwort solidarisch organisiert ist. Gemeinschaften helfen sich gegenseitig, nehmen Geflüchtete auf und stellen die Grundversorgung sicher. Katastrophenhilfe wird nicht anonym von oben verordnet, sondern kollektiv von unten getragen.
Direkte Demokratie
Damit sind wir bei Direkter Demokratie. Im Solarpunk ist Demokratie mehr als nur ein Wahlzettel. Sie ist alltägliche Praxis: Versammlungen, Räte, digitale Beteiligung, Konfliktlösung. Entscheidungen über Energie, Land oder Technik werden gemeinsam getroffen. Der Trope widerspricht der Idee, dass komplexe Gesellschaften autoritäre Kontrolle brauchen. Er sagt: Komplexität braucht mehr Demokratie, nicht weniger. Eine Zukunft ohne Konflikte wäre verdächtig. Aber wie wir diese Konflikte bearbeiten, macht einen Unterschied.
Diversität
Und schließlich leben Solarpunk-Geschichten von Diversität. Anders als in den meisten klassischen Science-Fiction-Geschichten sind die Menschen in Solarpunk-Welten vielfältig: Sie haben verschiedene Geschlechter, Sprachen, Kulturen, Glaubensrichtungen, Behinderungen, ethnische Hintergründe. Solarpunk bedeutet: Wiedergutmachung für geschehenes Unrecht, wirksame Mechanismen gegen Diskriminierung – und eine Perspektivenvielfalt, die das Leben bereichert.

@solar-punk.org funfact: das Prallluftschiff "cargolifter" sollte 125km/h schnell sein. Ist also nicht sooo langsam.
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