Organoponicos

Gemeinschaftsgärten sind klassische Solarpunk-Orte – hier verbinden sich Gemeinschaft, Natur, und Selbermachen auf eine wunderbare Weise miteinander. Und ein Blick nach Kuba zeigt: Diese Gärten haben das Potenzial, aus ihrer Nische herauszuwachsen, zu Ernährungssicherheit beizutragen und Teil einer Landwirtschaft der Zukunft zu werden.

Aus der Not geboren

Organopónicos kommen ursprünglich aus Kuba. Dort entstanden sie nicht aus ökologischer Romantik, sondern aus schierer Not: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fielen deren Dünger, Treibstoff und Subventionen weg. Auf dem Weltmarkt war Kuba isoliert. Hunger war die Folge: Der durchschnittliche Kalorienbezug sank von 2900 Kalorien (1989) auf 1800 Kalorien (1995) pro Tag. Die Menschen standen plötzlich vor der Frage: Wie ernähren wir uns ohne Chemie und ohne Benzin?

Die Antwort war radikal einfach: Sie bauten Gemüse dort an, wo Platz war. Auf Parkplätzen. Zwischen Plattenbauten. Auf dem Mittelstreifen von Straßen. Die Beete sind niedrig, oft aus Beton gefertigt, bewässert mit simplen Tropfleitungen. Der Trick liegt im System: Vielfalt statt Monokultur. Kompost statt synthetischer Dünger. Unkraut jäten statt Pestizide. Die Stadt wird zum Kreislauf mit superkurzen Transportwegen – und dieser Kreislauf ernährt seitdem die Kubaner:innen.

In Havanna entstanden so riesige Gemeinschaftsgärten mitten in der Stadt. 2009 waren dort mehr als 35 Hektar bepflanzt; inzwischen importiert Kuba nur noch 16 % seiner Nahrungsmittel (in Zeiten des Kalten Kriegs waren es 50%).

Selbstverwaltung

Viele der kubanischen Gärten wurden nicht von oben durchgeplant, sondern von Nachbarschaften, Kollektiven oder Arbeiter*innen initiiert und betrieben. Menschen organisierten Saatgut, Kompost und Arbeitsaufteilung selbst, verhandelten gemeinsam, was angebaut wird und wie die Ernte verteilt wird.

Wissen wandert über Zäune, Entscheidungen fallen auf dem Feld statt im Büro, und Verantwortung wird geteilt statt delegiert. Genau dieser selbstverwaltete Charakter macht Organopónicos so resilient — nicht, weil sie perfekt funktionieren, sondern weil sie von den Menschen getragen werden, die sie täglich pflegen.

Hoffnungen und Grenzen

Für Solarpunks steckt darin ein Blick in eine bessere Zukunft: Städte können zu produktiven Ökosystemen werden, in denen Nahrung, Nachbarschaft und Natur zusammenfinden. Die Organopónicos zeigen, wie das aussieht, wenn man es ernst meint – und wenn der globale Kapitalismus einem gerade keine andere Wahl lässt.

Natürlich hat das Modell Grenzen. Verglichen mit klassischer Landwirtschaft ist es sehr arbeitsintensiv. Nicht jede Stadt hat ein tropisches Klima, freie Flächen oder politische Unterstützung. Und städtische Landwirtschaft ersetzt keine Getreidefelder. Aber sie schafft etwas anderes Entscheidendes: Resilienz. Lokale Kontrolle. Gemeinschaft. Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Und letztendlich auch einen Notfallplan für schlechtere Zeiten, der unverhoffte Vorteile mit sich bringt.

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