Pilze und Solarpunk

Pilze sind seltsam. Weder Tier noch Pflanze, wurden sie lange von Biologen vernachlässigt, und wir wissen noch sehr wenig über sie. Erst langsam wird klar, was Pilze so ausmacht, wie stark sie sich von Tieren und Pflanzen unterscheiden – und was wir alles mit ihnen anstellen können, sobald wir sie besser verstehen.

Pilze als Metapher

Pilze sind auf eine tolle Art seltsam. Die oberirdisch sichtbaren Teile sind nur die Fruchtkörper eines viel größeren Organismus. Sie wachsen größtenteils unterirdisch (als Pilzgeflecht, auch genannt Mycelium). Inzwischen haben Forscher:innen herausgefunden, dass Pilze darüber untereinander und mit anderen Lebewesen wie Bäumen in Kontakt stehen (sie senden elektrische Impulse hin und her) und teilweise sogar Nährstoffe darüber teilen.

Das steht in starkem Widerspruch zum weit verbreiteten, darwinistischen Bild vom Überleben des Stärkeren, nach dem angeblich alles Lebendige organisiert ist. Pilze können uns also helfen, das Leben und uns selbst anders wahrzunehmen – als kooperierende und kommunikative, miteinander verbundene Wesen.

Das Mycelium ist außerdem eine tolle Metapher für Soziale Bewegungen. Die meisten Menschen nehmen diese nur wahr, wenn große Veranstaltungen passieren – zum Beispiel Massendemonstrationen oder Streiks, Besetzungen oder Camps. Doch damit diese möglich werden, braucht es sehr viel unsichtbare Arbeit – Vernetzungen und Absprachen, Planung und Visionsarbeit. Dadurch werden unsere Wurzeln stärker, und wenn die Bedingungen günstig sind, schießen Gruppen und Veranstaltungen wie Pilze aus dem Boden (und verbreiten wiederum Sporen, die neue Mycelien anlegen)!

Pilze als Material

Die offensichtlichste Verwendung von Pilzen (abgesehen vom Essen) ist ihre materielle Nutzung als Biotechnologie. Es gibt bereits eine Reihe von Zwecken, für die sie eingesetzt werden: zum Beispiel als Bau- und Verpackungsmaterial, indem das Pilzgeflecht in eine bestimmte Form gebracht und ausgehärtet wird. Daraus lassen sich dann stabile Blöcke oder leichte Verpackungen herstellen. Diese Nutzung hat bisher noch keine Marktreife erreicht, könnte aber in naher Zukunft eine nachhaltige Form des Bauens werden.

Pilze sind außerdem extrem gut darin, Giftstoffe aufzunehmen. Für Pilzsammler ist das ein Problem, weil Pilze in belasteten Gegenden oder an Straßen ungenießbar sind. Es gibt aber auch schon Wissenschaftler:innen, die daran arbeiten, mit Pilzen Schwermetalle aus dem Boden oder Wasser zu filtern. Diese können dann im Pilz eingelagert und entsorgt werden.

Ein weiterer potenzieller Nutzen ist die sogenannte Biolumineszenz. Es gibt etwa 80 Pilzsorten, die im Dunklen leuchten. Sie könnten in Zukunft andere Leuchtmittel ersetzen.

Pilze als Medizin

Pilze sind nicht nur lecker, sondern auch gesund. Viele Pilze haben heilende Eigenschaften und werden in der Medizin verwendet. Zum Beispiel gibt es Pilze, die das Immunsystem stärken oder Entzündungen lindern können.

Gerade bewusstseinsverändernde Pilze, wie solche mit dem Wirkstoff Psilocybin, gewinnen in der Forschung zunehmend an Bedeutung. Studien zeigen, dass sie bei der Behandlung von Depressionen, Angstzuständen und posttraumatischen Belastungsstörungen helfen können. In einer nachhaltigen Zukunft könnten psychedelische Pilze eine wichtige Rolle in der Psychotherapie spielen und uns ein besseres Verständnis von Bewusstsein und menschlicher Erfahrung vermitteln.

Fazit: Most Solarpunk organism!

Es gibt nur wenige Lebewesen, die Solarpunk-Werte so sehr verkörpern wie Pilze. Ich bin supergespannt, welche Möglichkeiten noch aus ihnen erwachsen, wenn wir sie besser verstehen. Übrigens: Mit Hyphen gibt es einen tollen, pilzfokussierten Solarpunk-Roman, zu dem ich sicher demnächst mal hier einen Artikel schreiben werde (wenn ich ihn fertig gelesen habe). Stay tuned!

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