Solarpunk – eine Bewegung der Hoffnung

In Filmen, Serien und Büchern der letzten Jahrzehnte sehen wir fast nur düstere Zukunftsbilder: zerstörte Städte, gescheiterte Gesellschaften, Überwachung und Gewalt. Das ist ein Problem für Menschen, die eine bessere Welt erschaffen wollen. Eine relativ junge Bewegung zeigt aber: Es geht auch anders!

Ein Gemeinschaftsgarten mit vielen Obst- und Gemüsesorten und Menschen, die gärtnern, pflanzen, ernten und experimentieren.
„Gemeinschaftsgarten“, Creative Commons 0

Der Kulturkritiker Fredric Jameson meinte einmal: „Es ist leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.“ Der Pessimismus kommt nicht von ungefähr. Die vielen Krisen der letzten Jahrzehnte, aber auch ein Zeitgeist, der seit den 1970ern jede Alternative zum aktuellen System als unmöglich darstellt, machen es schwer, sich eine bessere Zukunft vorzustellen.

Besonders deutlich wird das im Genre Cyberpunk, von dem sich Solarpunk abgrenzt. In diesen Geschichten kontrollieren Konzerne die Politik, Überwachung ist allgegenwärtig und die Rebellion der Hauptfiguren gegen diese Systeme bleibt meist wirkungslos. Diese Geschichten grenzten sich in den achtziger und neunziger Jahren ab von einem Science-Fiction-Mainstream, der bis dahin oft politisch naiv war. Oft waren sie als Warnungen gedacht – und viele Aspekte haben sich inzwischen bewahrheitet.

Langfristig sind die allgegenwärtigen Dystopien in Kino, Fernsehen und Büchern aber auch ein Problem für alle, die sich für eine bessere Zukunft einsetzen. Denn ohne Hoffnung ist es schwer, die Motivation für Veränderung zu finden. Wir müssen uns eine bessere Welt erst mal vorstellen können, bevor wir daran arbeiten können.

Geschichten, die Hoffnung geben

Seit den 2010er Jahren wächst auch deswegen ein neues Genre heran, das sich Solarpunk nennt. Manche Geschichten darin zeigen positive, lebenswerte Zukünfte: solidarisch, nachhaltig, demokratisch und vielfältig. Andere stellen eher die Herausforderungen auf dem Weg dahin in den Fokus.

In Solarpunk-Erzählungen gibt es keine einsamen Held*innen, die die Welt retten. Stattdessen arbeiten Gemeinschaften aus normalen Menschen gemeinsam an Problemen. Die Hauptfiguren sind oft erfreulich divers: queere Menschen, People of Color und Menschen mit Behinderungen sind ganz selbstverständlich Teile dieser Zukünfte, was in der Science-Fiction noch lange nicht selbstverständlich ist. Auch die Balance zwischen Technik, Natur und Gesellschaft steht häufig im Mittelpunkt der Geschichten.

Hier sind drei Beispiele für Solarpunk-Geschichten (mehr lassen sich unter dem Bücher-Tag finden):

  • In der Hoffnungsschimmer-Reihe von Susan Kaye Quinn arbeiten Diplomat*innen, Ingenieur*innen und viele Andere an einer emissionsfreien Wirtschaft. Aber die alten, fossilen und hierarchischen Kräfte lauern darauf, wieder an die Macht zu kommen.
  • In Walkaway von Cory Doctorow bauen Aussteiger*innen mithilfe neuer Technologien wie 3D-Druckern und Solarenergie unabhängige Gemeinschaften auf, die mit der Zeit immer stärker von Regierungen und Konzernen bekämpft werden.
  • Becky Chambers Dex und Helmling-Reihe ist eine ruhige, optimistische Zukunftsgeschichte, die zeigt, wie in Zukunft Menschheit, Technik und Natur im Einklang existieren können.

Wo Solarpunk schon heute gelebt wird

Solarpunk ist aber schon lange nicht mehr nur Fantasie. Überall, wo Bedürfnisse statt Profit im Mittelpunkt stehen und wo Menschen kollektiv handeln und entscheiden, ist der Geist einer entstehenden Solarpunk-Bewegung spürbar.

An unzähligen Orten wird erprobt, wie ein gutes Leben für alle aussehen kann – zum Beispiel in Gemeinschaftsgärten, Solidarischen Landwirtschaften, offenen Werkstätten oder Maker Spaces. Sie sind Orte des Teilens, der Begegnung und der Selbstorganisation. Gerade in Krisenzeiten können solche Projekte zu wichtigen Versorgungsstellen werden – wie Erfahrungen aus Griechenland und Argentinien zeigen.

Auch digitale Orte können diese Werte leben. Wikipedia ist ein tolles Beispiel für eine Kultur des offenen Teilens von Wissen. Das Soziale Netzwerk Mastodon bietet eine Alternative zu den polarisierenden und abhängig machenden Konzern-Netzwerken. Und eine weltweite Open-Source-Gemeinschaft arbeitet unermüdlich an Alternativen zu kommerziellen und problematischen Anwendungen.

Alles muss man selber machen!

Solarpunks setzen nicht auf Appelle an die Politik, sondern auf kreative Selbstermächtigung: durch Kunst, Geschichten und praktische Projekte im Hier und Jetzt.

Menschen lassen sich leichter zum Handeln motivieren, wenn sie positive Visionen sehen. Studien zeigen: Angst macht eher passiv oder konservativ – Hoffnung dagegen aktiviert. Anders als politische Texte oder wissenschaftliche Analysen spricht Solarpunk auch die Emotionen an – und macht erfahrbar, wie andere Zukünfte aussehen könnten.


Dies ist eine aktualisierte und vereinfachte Version des Artikels Die Wiederaneignung der Zukunft.

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