Radikale Transformation

Unzählige Menschen haben sich kluge Gedanken zum Thema Transformation gemacht. Leider verstauben viele dieser Ideen und Erkenntnisse in wissenschaftlichen Studien und Sammelbänden. Gleichzeitig haben soziale Bewegungen wertvolle Erfahrungen gesammelt und einzelne Kämpfe für gesellschaftliche Veränderungen gewonnen – und manchmal bleibt wenig Zeit für den Blick aufs große Ganze. Dieses Handbuch bringt beides zusammen – in einer Form, die für linken (Bewegungs-)Alltag brauchbar ist.

Die Welt auf den Kopf stellen

Transformation meint Prozesse, die einen umfassenden gesellschaftlichen Wandel hervorbringen und die herrschenden Verhältnisse überwinden. Daher auch der Titel unseres Buchs, der von der Idee des Pachakuti inspiriert ist. Pachakuti ist ein Begriff aus dem Andenraum, aus der indigenen Aymara-Sprache. Der Chronist Waman Puma de Ayala hat ihn als „die Welt auf den Kopf stellen“ übersetzt. Gemeint ist ein radikaler Wandel der Welt, wie wir sie kennen. Wie der uruguayische Aktivist und Intellektuelle Eduardo Gudynas beschreibt, meint Pachakuti, mit den bestehenden Verhältnissen revolutionär zu brechen und sie aufzulösen – und gleichzeitig schon etwas Neues zu schaffen.2 Im Alltagshandeln, in neuen Beziehungsweisen mit Mensch und nicht-menschlicher Natur, in neuen Vorstellungswelten und politischen Praktiken entsteht eine Vielzahl von neuen Welten.

Die Inhalte und die Richtung von gesellschaftlichem Wandel sind umkämpft – auch reaktionäre und marktliberale Akteur*innen sprechen über die Notwendigkeit gesellschaftlicher Transformationsprozesse. Wir knüpfen an der zuvor beschriebenen Idee an und fassen Transformation als einen umfassend emanzipatorischen Begriff, der die radikale Überwindung gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse von unten betont. Eine sozial-ökologische Transformation zielt bei diesem Prozess auf eine sozial gerechte und ökologisch stabile Gesellschaft ab.

Darüber hinaus bedeutet Transformation, dass vielfältige Übergangsprozesse den Systemwandel herbeiführen – diese können mal schnell, laut und abrupt und mal schleichend, kontinuierlich und unscheinbar sein. Transformation verbindet revolutionäre Veränderungen mit reformartigem Umbau. Menschen suchen Ansatzpunkte, um das Hier und Heute vor Ort zu verbessern und verweisen damit gleichzeitig auf ein besseres Morgen, in dem das Zusammenleben ganz anders – solidarisch, ökologisch und herrschaftsfrei – gestaltet ist. Dafür gibt es keinen Masterplan und kein zentrales Transformationskomitee, das den Systemwandel steuert. Es ist ein kollektiver Suchprozess nach einem Guten Leben für alle und den Wegen dorthin.

Transformation ist ein Tu-wort

Wir ändern die Sachen, die geändert werden müssen. Wir ändern die Sachen, die wir nicht länger hinnehmen können. Mit diesem Gedanken folgen wir der afroamerikanischen Philosophin und Aktivistin Angela Davis und konzen­trieren uns auf Schritte im Hier und Jetzt, die wir beeinflussen können.

Mit dem Handbuch, das du und ihr jetzt in den Händen haltet, möchten wir einen Einstieg in wichtige Themen bieten, vor denen Initiativen, politische Gruppen, Bündnisse, aber auch engagierte Einzelpersonen stehen, wenn sie Wandel anstoßen wollen. Als Autor*innen-Kollektiv möchten wir einen Beitrag leisten zu Transformationsstrategien für soziale Bewegungen und der gesellschaftlichen Linken im deutschsprachigen Raum.

Einen Beitrag – keinen Masterplan. Entsprechend ist dieses Handbuch auch eine Einladung zum Kritisieren, Weiterdenken und -machen. Da wir Transformation als offenen Prozess verstehen, wünschen wir uns eine Debatte darüber, welche Probleme, Formate oder Übungen noch zu wenig sichtbar sind oder gar fehlen. Welche Ansätze und Methoden funktionieren für euch gut – welche gar nicht? Welche neuen Ideen und Prozesse konnte das Handbuch anstoßen? Wo sind weiterhin Leerstellen in der Transformationsdebatte? Wer wird zu wenig in diesen Fragen gehört?


Dieser Text und das Bild sind Auszüge aus dem Buch »Die Welt auf den Kopf stellen. Strategien für radikale Transformation« (2022) des ILA-Kollektivs und steht unter einer CC-BY-NC-ND-Lizenz.

2 Gedanken zu “Radikale Transformation

  1. Avatar von curious_reader curious_reader schreibt:

    Vielen Dank für deine tolle seite!

    Ich habe vor jahren dieses Buch gelesen: https://jetztrettenwirdiewelt.de/

    Im englischen gibt es natürlich noch viel mehr.

    Fabian Scheidler hatte 2015 das hier geschrieben:

    https://www.megamaschine.org/

    Es gibt auch Vorträge wo Fabian Scheidler, Ulrike Hermann, Nico Paech Diksutieren.

    Ein großer Treiber für „weiter so wie bisher“ ist Das Beschleunigungs/Wachstums narrativ, hier hat Hartmut Rosa auch ein Buch – Beschleunigung und Entfremdung. Hartmut Rosa und Nico Paech haben hierzu auch tolle Vorträge und Diskussionen geführt. Einige davon sind hier zu finden: https://werkstatt-zukunft.org/

    Es ist schwierig wirklich nachhaltigen Wandel zu bewirken. Ein problem was es gibt ist das immer nur Teilprobleme betrachtet werden. Die Leute sagen: warum können wir nicht einfach öl , gas und kohle wie bisher verwenden China ändert ja auh nichts oder stößt mehr Co2 aus.

    Wenn wir psychologische Entwiklungsmodelle betrachten wie das z.b. von Robert Kegan sehen wir das zum Großteil in Deutschland zwar „alte“ oder „Erwachsene“ Menschen rumlaufen diese aber im Kopf eher kinder sind bzw. maximal auf Stufe 3 sich befinden ( siehe den blog unten The stages of adult development)
    .

    https://vividness.live/2015/10/12/developing-ethical-social-and-cognitive-competence/

    Und das sind nur die Anfänge der Probleme, Politik und Politiker gehen in ähnliche Richtungen, sicher haben einige von Ihnen gute Absichten aber ihre Kommunikations und Verhaltensmuster lassen andere Realitäten nicht wirklich zu. Das wird Problematisch wenn man z.b. sagt: Die Energieversorgung in deutschland muss gesichert werden und „Mini-Akws“ können hierbei helfen. Die Ebenen auf denen solche Aussagen problematisch sind, sind tief verzweigt. Aber die Kommunikationsmuster lassen kein Raum für Diskussionen die hinzu Entscheidungsalternativen führen könnten.

    Im englischen gibt es z.b. diese Seite welches eine Art Karte von Solar Punk Gemeinschaften darstellt:

    https://www.agartha.one/

    Ich habe irgendeinen String bei der Mail adresse angegeben(bin privatsspähre etwas paranoid 😉 . Falls du interesse für einen Austausch hast schreibe doch hier einen Kommentar und wir werden einen Weg finden 🙂
    Es gibt schon eine Menge solar punk, lass uns verbinden , vernetzen und diese positive Einstellung für die Zukunft teilen.

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    • Avatar von solarpunk solarpunk schreibt:

      Danke für den Kommentar! Ja, es gibt auf jeden Fall einiges zu tun.

      Die Megamaschine und Niko Paechs Postwachstumsideen haben mich damals tatsächlich auch politisiert 😉

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