[Kurzgeschichte] Ein altes Sprichwort besagt, dass Veränderung immer dann passiert wenn mensch es am wenigsten erwartet. Im Fall von Mariposa traf das sicherlich zu. Die Einwohner:innen des kleinen Dorfes hatten ein schlimmes Jahr hinter sich — die letzte Ernte war sehr viel kleiner ausgefallen als sie erwartet hatten; ihr 3D-Drucker war kaputt gegangen, und niemand hatte es bisher geschafft ihn zu reparieren; und der Frühling begann mit einer heftigen Hitzewelle, die allen ein bischen Angst vor den kommenden Monaten machte.

An diesem bisher sehr gewöhnlichen Tag waren Trish und die anderen Farmerinnen schon frühmorgens in den Feldern, um den größten Teil der Arbeit vor der heißen Mittagssonne zu schaffen. Wie immer sangen sie dabei gemeinsam, und deshalb bemerkten sie die Gestalt, die sich auf sie und das Dorf zubewegte, erst sehr spät. “Hey! Hey ihr da! Halloooo! Keine Angst, ich tu euch nichts!” rief die Gestalt in einer angenehmen, leicht singenden Stimme, während sie weiter auf sie zulief.
Endlich konnten sie die Gestalt besser erkennen, und sie merkten dass sie tatsächlich einen menschenähnlichen Roboter vor sich hatten! Dieser war etwa 1,50 groß, hatte breite Schultern und einen runden Kopf. Sein metallischer Körper reflektierte die Sonne, und Brust, Schultern und Arme waren komplett von kleinen Photovoltaik-Schuppen bedeckt. Anstelle eines Gesichts hatte der Roboter ein pixeliges LED-Display, das gerade 🙂 anzeigte. Der Roboter rief immer noch in einer etwas zu lauten Stimme: “Ich bin übrigens Ruby! Mein Pronomen ist hen. Tut mir leid, dass ich hier so reinplatze, das ist eigentlich nicht meine Art. Ach, ich bin so aufgeregt euch kennenzulernen!”
Trish und ihre Kolleginnen schauten sich irritiert, aber auch interessiert an: Wer ist dieser seltsame Roboter? “Schön dich kennenzulernen, Ruby! Ich bin Trish, sie, und das sind Jose und Rebecca, er und sier. Willkommen in Mariposa! Wie können wir dir helfen?” Das Display des Roboters wechselte zu 😀 ; hen war offensichtlich sehr froh über diesen warmen Empfang. “Danke, aber ich brauche nichts! Im Gegenteil, ich bin gekommen um euch zu helfen! Gibt es etwas, was ich tun kann? Oh wow, ist das ein Agrivoltaik-Beet? Cool!” Der Roboter fing an die Photovoltaikplatten zu inspizieren, die den darunter liegenden Gemüsebeeten Schatten spendeten und von der Verdunstung gekühlt wurden. Die drei Farmer:innen suchten Blickkontakt, immer noch ein wenig nervös wegen ihres Besuchs, aber auch voller Hoffnung auf zwei starke, helfende Hände. “Also, du kannst gerne eine Weile hier bleiben! Und wenn du wirklich helfen möchtest finden wir sicherlich auch Arbeit für dich!”
Weil es beinahe schon Mittag war, entschieden sich die Farmer:innen eine frühe Pause zu machen und Ruby durch das Dorf zu führen. Sie begannen die Tour an den Feldern auf denen sie gerade arbeiteten, und zeigten hen danach den Schuppen mit der Hydroponik-Anlage. Auf dem Weg zurück ins Dorf kamen sie zudem noch an ihrem Wasseraufbereitungssystem vorbei. Ruby war von allem begeistert, hatte durchgehend ein 😮 im Display und tausend Fragen zu jedem Stück Infrastruktur. Der nächste Halt war bei den Wohnanlagen — dem größten Gebäudekomplex des Dorfs mit einer einladenden Gemeinschaftsküche, einer gemütlichen Bibliothek und mehreren Schlafräumen. Viele der Zimmer nutzten massive Bäume als Teil ihrer Struktur, die nahtlos in Wände und Decken übergingen.

Als sie am Dorfzentrum mit dem Rathaus ankamen, erzählten sie Ruby von ihren Problemen mit dem 3D-Drucker. “Oh, ich kenne mich ganz gut mit 3D-Druckern aus! Habt ihr was dagegen wenn ich mir den mal angucke?” fragte hen mit einem 🙂 . Die Farmerinnen stimmten zu, denn der Drucker war ja sowieso schon kaputt — so viel schlimmer konnte es nicht werden. Ruby begann, leise vor sich hin summend, die Maschine auseinanderzubauen; und tatsächlich dauerte es nur 10 Minuten, bis hen das Problem des Druckers gefunden und behoben hatte! “Oh wow, das ist ja super! Vielen Dank!” freute Trish sich — sie nutzte ihn nämlich regelmäßig um Ersatzteile für ihre Gartengeräte auszudrucken, und viele von denen waren schon ganz schön runtergekommen seit die Maschine defekt war. In der Mittagspause trafen sich die meisten Mariposaner:innen in der Gemeinschaftsküche zum Essen, daher nutzten sie die Gelegenheit um ihren Gast allen vorzustellen. Ruby war sichtlich erfreut über so viele neue Bekanntschaften 😀 , und die Dorfbewohner:innen wiederum waren sehr froh als sie vom reparierten 3D-Drucker hörten. Wenn es nach ihnen ging, konnte Ruby so lange bei ihnen bleiben wie hen wollte.
In den nächsten Tagen half Ruby dabei, das Dach des Gemeinschaftszentrums zu flicken, reparierte den Beamer den die Dorfgemeinschaft für die wöchentlichen Filmabende nutzte, und entwickelte ein neues Rezept, um den Fermentierungsprozess des 3D-Druck-Materials aus Hanf und Pilzfäden zu beschleunigen. Hen tat all das in enger Zusammenarbeit mit den Mariposaner:innen die gerade mithelfen wollten, und Rubys ermutigendes Wesen und geduldige Art inspirierte die Traube von Dorfbewohnerinnen, die hen bei jedem Projekt begleiteten. Sogar diejenigen, die sonst vom Wesen her eher pessimistisch und grummelig waren, waren nach diesen Arbeitseinsätzen voller Selbstvertrauen und gingen mit einem Lächeln auf dem Gesicht in den Feierabend. Generell schien es so, als würde sich Ruby am besten mit den Mariposaner:innen mit eher wenig Selbstbewusstsein verstehen, und hens bloße Anwesenheit sorgte oft dafür, dass sie schnell mehr Vertrauen in ihre Fähigkeiten entwickelten.

Die einzigen Personen mit denen Ruby nicht besonders gut klarkam waren Stanley, David und Mark. Stanley und David waren Brüder, und Stanley war der Besitzer des einzigen Autos im Dorf und prahlte regelmäßig damit, ließ aber niemanden außer David und Mark damit fahren; und Mark war Mariposas bester Ingenieur, ein Umstand, den er allen anderen sehr regelmäßig unter die Nase rieb. Alle drei waren sehr von sich eingenommen; wegen des Autos und ihrer Fähigkeiten ließen die anderen Dorfbewohnerinnen ihnen dieses Verhalten durchgehen und nannten sie nur hinter ihrem Rücken das Triumvirat. Das Trio versuchte mehrmals, mit Ruby ein Gespräch anzufangen und luden hen auch auf einen ihrer Road Trips in die Wüste ein, aber Ruby lehnte immer höflich ab und verbrachte hens Zeit lieber mit den anderen Mariposaner:innen.

Eines Tages werkelte Ruby mit Trish am Bewässerungssystem. Hens Gesichtsausdruck war schon seit einiger Zeit ein , was ungewöhnlich war. “Ruby, du wirkst nicht glücklich! Hast du etwas auf dem Herzen?” Ruby überlegte kurz, und fragte dann: “Würdet ihr sagen, dass es in Mariposa Hierarchien gibt?” Trish dachte einen Moment über die Frage nach und antwortete dann: “Naja, nicht offiziell, würde ich sagen; Wir treffen ja alle Entscheidung kollektiv im Dorfplenum jede Woche. Aber du weißt ja, wie es ist — manche Menschen sind einfach besser darin, ihren Willen durchzusetzen als andere. Warum?” Ruby sah jetzt eindeutig traurig aus 😦 . “Ich mag keine Hierarchien, ich kann sie nicht ausstehen! Sie machen mich traurig.” Trish nickte. “Ja, das kann ich verstehen. Weißt du was? Das nächste Plenum ist schon morgen. Wie wär’s wenn du einfach dazukommst und es dir mal anguckst?”

Am nächsten Tag versammelte sich etwa die Hälfte der Dorfbewohner:innen im Gemeinschaftszentrum. Das Plenum fand in einem wunderschönen, kreisrunden Raum mit Fensterfront statt. Die hohe Decke ließ den Raum noch größer erscheinen, als er ohnehin schon war; an allen Wänden standen Stühle aufgereiht. Es gab auch ein improvisiertes Podium, das normalerweise für Band- und Theaterauftritte genutzt wurde. Und auf dem Podium saß — das Triumvirat. David eröffnete das Treffen, indem er eine Liste von Themen vorlas die heute besprochen werden sollten; und je weiter sie in der Liste fortschritten, desto mehr sank Rubys Laune sichtlich 😦 . Als das Treffen etwa zur Hälfte geschafft war, stand hen auf und hob die Hand. Stan war hocherfreut dass der Roboter endlich mal mit ihm sprechen wollte und erteilte hen mit einer Handbewegung das Wort. “Wir sind jetzt seit einer Dreiviertelstunde hier, und fast niemand hat geredet außer euch dreien. Soll das etwa ein demokratisches Plenum sein?”
Die Anspannung im Plenum war fast mit Händen greifbar; überall tuschelten Menschen mit ihren Nachbarinnen und warteten auf eine Reaktion. Die drei Männer auf dem Podium waren kurz irritiert, fingen sich aber recht schnell wieder. “Ja sicher, aber es ist auch nicht unsere Schuld dass fast niemand sich einbringt!” antwortete Mark. Ruby blinzelte. “18:03 hast du Kim unterbrochen, die einen Punkt auf die Agenda setzen wollte. 18:09 habt ihr Asha nicht das Wort erteilt, obwohl sie sich noch gemeldet hat, und habt die Diskussion für beendet erklärt. Um 18:17 waren fast die Hälfte hier offensichtlich unzufrieden mit der Entscheidung über die neuen Arbeitszeiten, aber ihr habt keine Abstimmung dazu gehalten. 18:26…” “Okay, stop mal.” unterbrach Stan hen. “Du kannst hier nicht einfach reinmarschieren und grundlos kritisieren, wie wir Entscheidungen treffen! Du bist hier nur zu Gast!” Er war aufgesprungen und starrte Ruby finster an, und seine Stimme hatte einen scharfen Ton angenommen. Inzwischen waren fast alle Augen auf den Roboter gerichtet — manche mit hoffnungsvollen Blicken, aber viele waren auch sehr verunsichert durch die angespannte Atmosphäre im Raum. Ruby machte einen traurigen Gesichtsausdruck 😥 , schüttelte hens Kopf und antwortete leise: “Vielleicht hast du Recht. Aber wenn ihr so Entscheidungen trefft, kann ich nicht hier bleiben. Es fühlt sich einfach falsch für mich an.“ Das Getuschel ging wieder los, und aus vielen Ecken hörte man jetzt Betroffenheit und Erschrecken. „Das tut mir leid zu hören, aber letztendlich ist es deine Wahl. Wenn es dir hier nicht gefällt, kannst du jederzeit gehen.“ sagte Stan und setzte sich wieder auf seinen Stuhl. „Okay, nächster Punkt auf der Agenda…“ „STOP!“
Das war Jackie — eine ruhige, zurückhaltende Künstler:in, die fast noch nie im Plenum das Wort ergriffen hatte. Sier war auch eine von den Personen, die in den letzten Tagen am meisten Zeit mit Ruby verbracht hatten. „Ich möchte, dass Ruby bei uns bleibt. Und ich glaube eine Menge Leute hier wollen das auch.“ Sier sah sich hilfesuchend um, und viele der Versammlungsteilnehmer:innen nickten vorsichtig und murmelten zustimmende Worte. Bestärkt sprach Jackie weiter: „Außerdem finde ich, an dem was hen sagt, ist etwas Wahres dran. Ich glaube, es wäre für uns nicht schlecht ein bischen demokratischer zu werden.“ Mark versuchte, die Situation zu retten: „Hör mal, Jackie, ich versteh dich ja, aber das stand heute echt nicht auf der Tagesordnung…“ Jetzt stand Trish auf, ermutigt durch die Zustimmung in der Runde. „Warum stimmen wir nicht ab? Wer ist alles dafür, dass wir probieren ein bischen demokratischer zu entscheiden, damit Ruby bleiben kann?“ Sie hob ihre Hand und schaute sich erwartungsvoll um. Einige andere signalisierten ebenfalls vorsichtig Zustimmung; nach einigem Zögern gingen weitere Hände in die Luft. Es war sicherlich keine einstimmige Entscheidung; die drei Männer auf dem Podium und auch viele andere im Stuhlkreis saßen mit verschränkten Armen da, und ihre Augen funkelten verärgert über diese Anmaßung. Aber es wurde deutlich, dass eine große Mehrheit den Vorschlag für richtig hielt. Trish drehte sich zu Ruby um: „Hör mal, wir können dir nicht versprechen dass es hier keine Hierarchien mehr geben wird. Aber wenn wir uns anstrengen und probieren, demokratischer zu entscheiden — bleibst du dann hier?“ Ruby strahlte über das ganze Gesicht und rief erfreut „ja, auf jeden Fall!“. Das Triumvirat stürmte zusammen mit einigen anderen wütend aus dem Gebäude, und mensch konnte noch Wortfetzen wie „respektlos“ und „anmaßend“ von ihnen hören. Der Rest der Versammlung verlief anfangs etwas chaotisch, denn seit Jahren hatte niemand außer dem Trio durch das Plenum geführt. Doch nach einigen Diskussionen einigten sich die übrigen Mariposaner:innen auf eine neue Herangehensweise, die ihnen gegen Ende sogar anfing Spaß zu machen!
Am nächsten Morgen entdeckte die Gemeinschaft, dass das Triumvirat das Dorf in der Nacht in ihrem Auto verlassen hatte — und dass die Drei dabei einen Großteil der Essensreserven mitgenommen hatten. Nachdem die Bewohner:innen sich vom ersten Schreck erholt hatten, riefen sie schnell ein Notfallplenum ein und fanden schnell gemeinsame Lösungen: Ein kleines Team wurde ins Nachbardorf geschickt, um dort um kurzfristige Hilfe zu bitten; außerdem ermöglichte ihnen ein Bauplan aus Ruby’s Datenbank, mithilfe des reparierten 3D-Druckers ein Aquaponik-System zu bauen, in dem sie Fische und Gemüse im Verbund züchten konnten. So gelang es ihnen recht schnell, die Verluste an Nahrungsmitteln aufzufangen. Die emotionalen Verluste hingegen wogen schwerer — schließlich war es das erste Mal, das Menschen aus ihrer Gemeinschaft das Dorf betrogen und bestohlen hatten. Am Ende waren die meisten der Meinung, dass sie trotzdem ohne das Triumvirat besser dran waren — es war schließlich nicht einfach, demokratische Strukturen aufzubauen, und mit Menschen mit so einem überzogenen Anspruchsdenken im Dorf wäre es nochmal schwieriger gewesen. Als symbolische Geste beschlossen sie, die verlassenen Privatquartiere der drei Männer zu einer kollektiven Selfcare-Oase umzugestalten und schufen einen wunderbaren, ruhigen Ort mit Sitzecken und gemütlichen Möbeln, weichen Kissen und schönen Rückzugsräumen für Yoga und Meditation.

Während der nächsten Wochen schafften es die Mariposaner:innen, den Verlust an Lebensmitteln, Werkzeug und dem Auto mehr als auszugleichen. Das Dorf war in der kurzen Zeit beileibe nicht zu einer hierarchiefreien Utopie geworden: Es gab immer noch kleinkarierte Streitigkeiten hier und da, und Einzelne versuchten immer noch mehr oder weniger subtil ihre eigenen Vorstellungen durchzudrücken. Aber sie hatten mit Ruby einen zuverlässigen Seismographen für hierarchische Machtdemonstrationen und Ränkelspiele, denn wenn der Roboter so etwas mitbekam, wechselte hens Display manchmal binnen Sekunden von hens begeisterten 😀 zu 😥 . Nicht zuletzt dadurch lernten die Bewohner:innen langsam aber sicher, sich gegenseitig empathisch mitzudenken statt sich einfach durchzusetzen. Dieser Prozess war nicht immer leicht, denn viele Leute, die es gewohnt waren nichts mitentscheiden zu können mussten plötzlich damit klarkommen dass sie nicht nur gehört wurden, sondern auch Mitverantwortung übernehmen sollten, was Einigen anfangs schwer fiel. Aber insgesamt wurde deutlich, dass das Dorf unter diesen Veränderungen aufblühte. Die meisten Menschen waren sehr viel motivierter und energiegeladener, seit sie eine aktive Rolle in den Dorfentscheidungen einnahmen und ihre Bedenken und Ideen gehört wurden; und die Schwarmintelligenz, die das Dorf durch regelmäßige Diskussionen und Versammlungen entfesselte, brachte viele große und kleine Verbesserungen im Leben der Mariposaner:innen mit sich.

Etwa einen Monat nach der schicksalhaften Versammlung kam David zurück, und im Schlepptau hatte er einen der Lebensmittelcontainer den das Triumvirat damals mitgenommen hatte. Er entschuldigte sich mit belegter Stimme und erklärte, dass die anderen beiden ihn zu dem Raubzug überredet hatten, und dass er dann langsam zu dem Entschluss kam dass das falsch war. Seitdem hatte er versucht, per Anhalter zurück nach Mariposa zu kommen. Er sah bemitleidenswert aus — seine Klamotten waren zerrissen und schmutzig, und sein Gesicht von der Sonne verbrannt und von Tränen überströmt. Und obwohl einige der Bewohnerinnen skeptisch waren, ob Davids Geschichte wirklich stimmte, wurde er nach einer Abstimmung zurück in die Gemeinschaft aufgenommen. „Danke! Das bedeutet mir viel.“, sagte er und wischte sich Tränen aus dem Gesicht. „Es tut mir so unendlich leid was ich getan habe — ich mach’s wieder gut, ich schwöre!“

In der gleichen Nacht blieben Trish, Ruby und Jackie noch lange am Lagerfeuer wach. Alle anderen waren schon ins Bett gegangen, und die drei lagen neben dem Feuer, Kopf an Kopf, und schauten sich die Sterne am Himmel an. „Ruby, was hast du eigentlich gemacht bevor du nach Mariposa gekommen bist?“ fragte Jackie den Roboter. „Also, ich bin rumgereist und hab Gemeinschaften meine Hilfe angeboten. Aber ehrlich gesagt waren die meisten davon so elitär, dass ich es oft nicht ausgehalten habe länger als ein paar Tage zu bleiben. Im letzten Dorf vor euch benutzten die Leute tatsächlich noch Geld, hatten eine Polizeitruppe die Eigentumsrechte durchsetzte — dabei gehörte fast alles nur drei Leuten, die deswegen alle Entscheidungen treffen konnten! Könnt ihr euch das vorstellen?“ Trish und Jackie wechselten einen kurzen Blick und dachten an die Tage des Triumvirats zurück. „Das klingt ja traurig! Konntest du denen denn nicht helfen, so wie du uns geholfen hast?“ „Nicht wirklich… Man kann Menschen nicht zwingen demokratisch zu entscheiden, selbst wenn es besser für sie wäre — insbesondere dann nicht wenn sie Angst vor denen haben, die am meisten Einfluss haben. Es kommt gar nicht so häufig vor dass eins von uns eine Dorfgemeinschaft findet, die das Potential dazu hat.“ Trish stutzte kurz. „Warte mal — hast du gerade ‚uns‘ gesagt? Heißt das, es gibt noch andere Roboter so wie dich?“ „Hm, ob sie so wie ich sind weiß ich nicht genau, aber ja, es gibt noch andere! Ich hab bisher tatsächlich noch keinen von ihnen getroffen, aber wir haben ein digitales Chatnetzwerk! Das ist beim Reisen superschön, weil ich mich dann weniger einsam fühle!“ 😀 „Kann ich mir vorstellen!“ antwortete Jackie und lächelte.
„Also… ich weiß nicht, ob das eine übergriffige Frage ist, und wenn ja, musst du nicht antworten. Aber wie kommt es, dass du Gefühle hast? Zum Beispiel über Hierarchien?“ „Darüber hab ich noch nie nachgedacht 😮“, meinte Ruby. „Ich vermute, es liegt daran wie wir programmiert wurden? Aber ehrlich gesagt erinnere ich mich da kaum dran — meine ersten Erinnerungen fangen erst damit an, dass ich irgendwo auf der Straße per Fernsteuerung aktiviert wurde und das Bedürfnis hatte, das nächste Dorf aufzusuchen und zu schauen, ob ich den Menschen dort helfen kann.“ Trish und Jackie hatten noch tausende weitere Fragen, und Ruby beantwortete viele davon geduldig; aber nach einer Weile merkten sie, dass es für hen etwas unangenehm wurde, so viel auf einmal über sich preiszugeben. Also ließen sie hen in Ruhe, und die drei lagen nur in angenehmer Stille auf dem Rücken und schauten hoch in die Sterne. An dem Abend träumte Trish von einem Schwarm Roboter, die emsig über die Landkarte zogen, die Menschen unterstützten und blühende und wachsende Gemeinschaften hinterließen.
“Okay ihr Lieben, das war’s für heute!“ rief Jackie lächelnd und entließ siehre Studierenden in den Feierabend. „Denkt dran, ihr könnt die Kunsträume hier auf dem Campus nutzen wann ihr möchtet. Bis morgen!“ Die Studis drängten sich aus dem Raum und plapperten dabei aufgeregt über Wochenendpläne, Maltechniken und Liebesaffären. Es war inzwischen fast ein Jahr her seit Ruby in Mariposa aufgetaucht war. Hen war noch eine ganze Weile geblieben, machte sich dann aber irgendwann wieder auf den Weg — nicht, weil es hen nicht mehr gefiel, wie der Roboter allen in einem tränenreichen Abschied versicherte :‘( , sondern weil hen das Gefühl hatte dass andere Dörfer mehr Hilfe brauchen als Mariposa. In der Zwischenzeit war das Dorf gewachsen — sowohl in der Einwohnerzahl als auch in Lebensstandard und Kultur (wenn man so etwas denn messen will). Nach einer Weile waren die Mariposaner:innen in der Lage, benachbarten Dörfern mit Ernteüberschüssen und Reparatureinsätzen zu helfen und bauten so enge Beziehungen auf, wo vorher nur Isolation war.

Zuletzt hat Mariposa zusammen mit anderen Städten und Dörfern in der Region eine Demokratische Föderation gegründet. Die Mitgliedszahlen wuchsen stetig, und nach einer Weile waren sie gemeinsam in der Lage ein Wiederaufforstungsprogramm anzulegen. Für die nächsten Jahre planten sie außerdem, ein öffentliches Verkehrsnetz zwischen den Städten und Dörfern aufzubauen. Jede Woche beantragten weitere Orte die Mitgliedschaft, und die gegenseitige Hilfe, die zwischen ihnen floss, ließ sie wachsen und gedeihen. Eine Konsequenz davon war, dass viele Einwohner:innen von hierarchischen, autoritär organisierten Orten ihre Heimat verließen und stattdessen in eine der Föderationsstädte zogen, von denen ihnen die Roboter oder menschliche Reisende erzählt hatten. Das Gerücht ging um, dass viele der autoritären Gemeinschaften wegen des daraus resultierenden Mangels an Arbeitskräften große Probleme hatten; oft wendeten sich die lokalen Eliten gegeneinander, weil sie den Gedanken nicht ertragen konnten selber wieder zu arbeiten.
Während Jackie siere Sachen zusammenpackte, kam David — seit neuestem einer der Kunst-Studis — zurück in ins Studio. „Hey Jackie, brauchst du Hilfe beim Aufräumen?“ Jackie sah ihn lächelnd an: „Danke David, ich bin hier schon fertig. Aber tolle Arbeit heute! Bleib dran — du hast wirklich Talent dafür!“
Geschichte als EPUB + PDF zum Download: https://cloud.freiheitswolke.org/s/dEkR9d3cByG5yzc
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