Solarpunk-Technologie

Anders als viele ältere ökologische Bewegungen steht Solarpunk neuen Technologien erstmal offen gegenüber und richtet den Blick (neben berechtigter Kritik) auch auf die Potenziale, die diese für ein Gutes Leben für Alle haben kann. In diesem Artikel sollen verschiedene Technologie-Kategorien beleuchtet werden.

Eine erneuerbare Giraffe. CC0

Erneuerbare Energien

Die offensichtlichste Kategorie ist die der grünen Energieerzeugung. Solar hat die Bewegung schon im Namen, und die Paneele sind in Bildern und Geschichten omnipräsent; aber auch Wind- und Wasserkraft sowie noch unbekanntere Ansätze wie Geothermie finden ihren Platz. Hauptsache weg von den problematischen und fossilen Brennstoffen, die uns die Klimakatastrophe eingebrockt haben. Und ich weiß, erneuerbare Energien sind nicht komplett unproblematisch, weil sie durch ihren Verbrauch von Seltenen Erden oft ebenfalls Naturzerstörung und Ausbeutung mit sich bringen. Es kann also nicht darum gehen, unseren (stetig steigenden) Verbrauch komplett umzustellen, sondern muss mit einer Reduktion einhergehen.

Speicherung ist ebenfalls ein wichtiges Thema, weswegen die Fortschritte in der Batterietechnik unter Solarpunks reges Interesse finden. Zudem ist die Dezentralität von Erneuerbaren Energien ein wichtiger Faktor, weil sie mit Resilienz gegen Katastrophen und Autarkie gegenüber Großkonzernen einhergeht.

Vergessene Technik

Die zweite Kategorie verweist auf Ideen, die häufig schon sehr alt sind, aber immer noch nützlich und sinnvoll – sie wurden nur oft von scheinbar bequemeren Alternativen verdrängt, die aber langfristig hohe Kosten mit sich bringen.

Lastenräder gab es beispielsweise schon Anfang des 20. Jahrhunderts, aber die jahrzehntelange Autodominanz ließ sie über lange Zeit zu einer Randnotiz werden. Seit den 1990er Jahren erfahren sie aber an vielen Orten wieder ein Comeback.

Ein weiteres Beispiel sind Komposttoiletten. Das Ökodorf Siebenlinden hat beispielsweise ein ausgeklügeltes System entwickelt, mit dem sämtliche menschlichen Ausscheidungen auf hygienische Art gesammelt und in wenigen Jahren zu Dünger verarbeitet werden. Ein Wasserklosett sucht man hier vergebens, und das ist angesichts des Wasserverbrauchs und der Verschwendung keine schlechte Sache.

Ein letztes Beispiel sind Segelschiffe – einer der ersten Artikel über Solarpunk nutzte das Beispiel eines neuartigen Containerschiffs, das mit einem großen drachenartigen Segel betrieben wird und somit sehr viel weniger Sprit verbraucht.

Netzwerke

Die dritte Kategorie von Technologien betrifft Soziale Netzwerke. Leider kennen die meisten Menschen nur die profitgetriebenen Netzwerke der Techkonzerne, die in vielerlei Hinsicht problematisch sind; daneben gibt es aber tolle Projekte wie das Fediverse, in dem dezentrale, miteinander verbundene Server Alternativen zu Twitter, Instagram und Co bieten. Hier gibt es keine Werbung und keinen Algorithmus, der sonst oft polarisierende und problematische Inhalte bekannter macht. Auch nebenan.de ist eine interessante Non-Profit-Plattform, die lokale Nachbarschaften miteinander vernetzt.

Diese Netzwerke sind besonders wichtig für marginalisierte Menschen wie Queers oder neurodivergente Personen, weil diese in ihrem direkten Umfeld oft kaum Kontakt zu Ihresgleichen finden und Gemeinschaft für sie extrem wichtig ist. Aber auch abgesehen davon sind diese Plattformen eine tolle Chance, die Menschheit zu vernetzen, Empathie und Akzeptanz für andere Lebensweisen zu schaffen – und vielleicht potenziell in Zukunft kollektive Entscheidungen zu treffen?

Futuristische Technologie

Die letzte Kategorie beschreibt Technologien, die gerade erst reifen und in naher Zukunft vermutlich unser Leben prägen werden. Darunter zähle ich beispielsweise Drohnen, Künstliche Intelligenz, 3D-Drucker und Robotik. Diese fühlen sich (zumindest für mich) gleichzeitig aufregend und problematisch an: Aufregend, weil sie viele Potenziale für ein besseres Leben im Einklang mit planetaren Grenzen beinhalten; problematisch, weil sie in der momentanen Logik vor allem von profitgetriebenen Großkonzernen entwickelt werden und oft ethisch bedenklich sind.

Ich denke da etwa an den Energieverbrauch und die Urheberrechtsverstöße der Sprachmodelle, die momentan als Künstliche Intelligenz gehandelt werden; oder an die militärische oder überwachungsstaatliche Nutzung von Drohnen und Robotern. Für mich besteht die Lösung allerdings nicht darin, diese deswegen kategorisch abzulehnen; wir sollten uns auch keine Illusionen dahingehend machen, dass diese Felder durch den Staat nennenswert eingeschränkt werden – dazu sind sie schlicht zu lukrativ und zu wichtig für die Kapitalverwertung.

Ich sehe aber eine Chance darin, eigene Alternativen zu entwickeln und diese zu nutzen, um progressive Soziale Bewegungen zu stärken und lokale Bedürfnisse zu befriedigen. Es gibt bereits selbsthostbare KIs, deren Training weniger problematisch ablief als das der großen Modelle; Drohnen werden zur Optimierung von Klimamodellen und Katastrophenwarnungen genutzt; und 3D-Drucker können in Zukunft die Chance bieten, über Creative-Commons-Modelle einige lokale Bedürfnisse effizient und ohne globale Lieferketten zu befriedigen.

5 Gedanken zu “Solarpunk-Technologie

  1. Avatar von joergsommer joergsommer schreibt:

    Die entscheidende Frage für utopische Entwürfe ist doch, ob wir weiterhin von dem kapitalistischen System abhängig sein wollen und dieses sogar durch unsere Aktivitäten und die Art unseres Konsums unterstützen oder nicht. Das fängt schon bei derPhotovaltaik an: Solarpaneele müssen wir kaufen, wir sind auf Großtechnologie und Massenproduktion angewiesen, also auf einen funktionierenden kapitalistischen Markt. Warum denn nicht mit Solarthermie? Die hat einen viel größeren Wirkungsgrad (60 -75%) – Photovoltaik im besten Fall19% (monokritalline Zellen). Und Strom können wir auch mit Wind erzeugen. Da brauchen wir nicht unbedingt seltene Erden. Die werden nur für Permanentmagnete gebraucht, um noch ein paar % mehr Wirkungsgrade herauszukitzeln. Seit hundert Jahren ging es auch mit selbsterregenden Stromgeneatoren ohne Permanentmagnete ganz gut. Und Windenergie: Natürlich nicht mit so lächerlich kleinen Rotoren wie auf dieser „Windgiraffe“! (Die Leistung eines Windgenerators wächst im Quadrat seines Durchmessers!)

    Und müssen es denn unbedingt 3-D-Drucker sein? (der Stolz aller „Repair-Cafes“!) Wollen wir weiterhin unsere Feinmotorik verkümmern lassen? Der Mensch ist das Lebewesen mit dem differenziertesten Greiforgan, das es gibt!

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    • Avatar von meerkattenaciousede4408cba meerkattenaciousede4408cba schreibt:

      Auf diese Weise nachhaltigere Windräder, kombiniert mit endlich weniger Energie-Verbrauch – hört sich gut an! Und stimmt, Solarthermie steht bisher im Schatten der Photovoltaik.. (sorry, ich bekomme gerade die Formatierung nicht weg)

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    • Avatar von solarpunk solarpunk schreibt:

      Hallo Jörg,
      das ist auf jeden Fall eine wichtige Frage!

      Ich würde aber postkapitalistische Wirtschaftsentwürfe dahingehend nicht unterschätzen – ich halte es nicht für unmöglich, dass auch in einem anderen System auch komplexe arbeitsteilige Produkte mit langen Lieferketten wie Solarpanele machbar sind.

      Zu den Wirkungsgraden kann ich nichts sagen, bin kein Ingenieur und muss da auf andere Einschätzungen vertrauen.

      Die Windgiraffe ist ein Kunstprojekt, die v.a. Leute inspirieren soll 😉 Generell aber Zustimmung zu größeren Rotoren (wobei das sich ab einer bestimmten Größe mit Dezentralität beißt).

      3D-Drucker: Da triffst du einen Punkt 😅 Das ist ein ziemlicher Fetisch der Solarpunk-Community. Mich hat in der Hinsicht Jeremy Rifkin mit seiner Vision von einer Null-Grenzkosten-Wirtschaft auf Commoning-Basis inspiriert. Es wird sich zeigen, ob die halten was sie versprechen.

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  2. Avatar von meerkattenaciousede4408cba meerkattenaciousede4408cba schreibt:

    Energie schön weit gefasst! Gerade soziale Netzwerke aus dieser Perspektive zu sehen ist anregend: gibt da auch Speicher-, Übertragungs-, Wachstum im Quadrat- Potenziale im positiven wie negativen Sinn.

    Ich denke mir oft auch bei realen Zusammenkünften von eher Unbekannten im Rahmen von Vorträgen etc. zum Thema: mir wieder Schwung gebende Energie hier, aber das kollektive Potenzial dieser Personenkonstellation hier wird jetzt wieder verpuffen. Das ist auch eine Art Energieverschwendung. Mir schwebt da zumindest etwas vor wie ein loser Netzwerkaufbau.

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    • Avatar von solarpunk solarpunk schreibt:

      Großartige Metapher, danke! 🤩

      Das ist ein richtig guter und wichtiger Punkt: Veranstaltungen so zu organisieren, dass die Vernetzung nachhaltig wirkt.

      Werd ich noch mehr drüber nachdenken!

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