Ein Spiel namens Solarpunk

Schwebende Windturbinen, Zeppeline, saftig-grüne Wälder auf schwebenden Inseln: In diesem Spiel könnt ihr eine Welt aufbauen, die ästhetisch schön ist und der Seele gut tut. Was davon gut mit den Werten der Solarpunk-Bewegung funktioniert und wo es knirscht, lest ihr in diesem Artikel.

Eine Info vorab: Ich hab das Spiel bisher selber nicht gespielt (hab kein Gerät, auf dem es läuft), sondern nur Reviews gelesen, Videos gesehen und den Entwicklungsprozess verfolgt. Wer also im Detail über Gameplay und Mechaniken lesen will, sollte lieber woanders suchen. Mir geht es eher darum, inwiefern das Spiel Solarpunk als Genre und Bewegung gut repräsentiert – und was es mit der Bewegung macht, wenn einzelne Titel sich den Namen aneignen.

Hype

Als ich zum ersten Mal von diesem Spiel erfahren habe, war ich ziemlich begeistert. Zunächst mal war da die Tatsache, dass das Spiel von einem sehr kleinen Indie-Entwicklungsstudio produziert wurde (nur zwei Leute!), und dass die Entwicklung über Kickstarter von der Crowd finanziert wurde. Beides hat für mich schöne Solarpunk-Vibes. Tatsächlich haben die ersten Screenshots und Videos die Leute so begeistert, dass das Spiel mit dem zehnfachen des ursprünglichen Ziels ausfinanziert und eins der am meisten vorbestellten Spiele wurde.

Die Optik ist großartig und trifft genau das, was Solarpunk als Ästhetik für mich ausmacht: helle, freundliche Farben, viel Holzoptik, interessant aussehende Technologien wie Solarpanele, Windräder, schwebende Windturbinen… sogar Zeppeline nehmen eine zentrale Rolle ein!

Das Spiel ist ein Survival- und Craftinggame – man verbringt also Zeit damit, die eigenen Bedürfnisse wie Hunger und Durst zu stillen, und ansonsten ganz viel zu bauen. Das können zum einen die erwähnten erneuerbaren Energiequellen sowie die Geräte, die davon angetrieben werden sein; zum anderen baut mensch sich hier auch das eigene Haus inklusive Gartenanlagen drumherum, sät Pflanzen, gießt (oder baut eine automatische Bewässerung), erntet und hält sich Tiere. Auch das trifft für mich zentrale Solarpunk Tropes.

Was fehlt

Leider hat das finale Spiel auch einige Aspekte, die für mich nicht mehr so gut zu Solarpunk passen. Das Setting mit den schwebenden Inseln ist dabei der offensichtlichste Faktor – das ist zwar optisch schön, aber mir persönlich zu fantasylastig. Ich mag meinen Solarpunk wünschenswert, aber realistisch.

Die Verortung im Survival-Genre bedeutet zudem, dass ein großer Fokus auf Expansion, Automatisierung von Prozessen und Wachstum liegt. Die Ökosysteme der Inseln sind wohl letztendlich nur Ressourcen für diesen ewigen Bauprozess; sonstige Anreize, die Inseln zu besuchen gibt es anscheinend keine. Zwar kann mensch Bäume und Büsche wieder anpflanzen, aber das wird für mich den Zeiträumen nicht gerecht, die normalerweise für solche Prozesse benötigt werden. Dieser Extraktivismus ohne Rücksicht auf die Mitwelt passt für mich nicht in eine Solarpunk-Welt.

Damit wären wir beim nächsten Punkt: Andere Menschen spielen in diesem Spiel einfach keine Rolle. Solidarität und Gemeinschaft sind aber extrem wichtige Facetten im Solarpunk – ohne sie ist auch die schönste erneuerbar betriebene Farm nur rechtes Preppertum.

Tatsächlich wurde das Spiel auch von der Spielepresse nicht besonders gut bewertet. Anscheinend ist das Gameplay im Vergleich recht generisch und das Pacing des Spiels führt wohl des Öfteren dazu dass Spieler:innen nichts zu tun haben und nur auf den nächsten Erntezyklus warten müssen.

Ich will hier nicht so tun, als wäre es supereinfach das perfekte Solarpunk-Spiel zu entwickeln (insbesondere mit so einem kleinen Indie-Team). Tatsächlich vermute ich, dass Solarpunk aufgrund der Komplexität der Werte, die darin eine Rolle spielen, extrem schwer in Spielmechaniken umzumünzen ist.

Was macht das mit der Bewegung?

Ist es eigentlich für die Solarpunk-Bewegung gut oder schlecht, wenn solche Titel rauskommen? Ich finde das gar nicht so leicht zu beantworten. Ästhetik ist ein zentraler Bestandteil von Solarpunk, und auch abseits von Spielen der Teil, in dem es am schwierigsten ist die Werte unterzubringen, die die Bewegung ebenfalls ausmachen. Ich glaube aber trotzdem, dass es eine kluge Herangehensweise ist zukünftige Welten zu erschaffen, die schön und anziehend sind. Daraus entsteht dann idealerweise Neugier für die anderen Aspekte. Ich merke das zum Beispiel gerade an den Abrufzahlen für diesen Blog, die seit der Veröffentlichung des Spiels stark nach oben gehen.

Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass Solarpunk auf einzelne erfolgreiche Medien reduziert wird, die längst nicht alle Aspekte der Bewegung abbilden (können). Ich hatte schon frustrierende Gespräche mit Menschen, die Solarpunk insgesamt vermutlich sehr schätzen würden, den Begriff aber nur noch mit dem Spiel assoziieren (und dann das Interesse verloren haben, weil sie mit Computerspielen nichts anfangen können).

Solarpunk ist durch seine Offenheit und Graswurzelorientierung immer in seiner Bedeutung umstritten – es gibt keine Zentralinstanz, die festlegt, was reingehört und was nicht. Das ist gut und wichtig so; es bedeutet aber auch dass wir damit leben müssen wenn Einzelne das Bild der Bewegung in eine schwierige Richtung prägen. Vielleicht kommt irgendwann die Zeit, in der Solarpunk fest im Mainstream verankert ist und dafür viele seiner progressiven und revolutionären Elemente aufgeben musste. Wenn er bis dahin aber Menschen motiviert hat, von besseren Zukünften zu träumen und Schritte dahin zu gehen, dann war es das für mich wert.

Habt ihr das Spiel schon gespielt?

Würdet ihr es empfehlen?

Stimmt ihr mit meiner Einschätzung überein, oder liege ich daneben?

Ich freue mich, dazu von Menschen zu lesen!

5 Gedanken zu “Ein Spiel namens Solarpunk

  1. @solar-punk.org ich habe wegen des Namens die Demo gespielt. Es ist ein sehr einfach gehaltenes Suvival/Crafting Spiel, bei dem man anstelle von fossilen Brennstoffen auf nachhaltige Energie setzt. Die Thematik Solarpunk behandelt das Spiel, wie du schon geschrieben hast, nur sehr oberflächlich. Da dürften Spiele wie ReStory: Chill Electronics Repairs, auch wenn nicht explizit Solarpunk, besseren Einfluss haben. Dem Forum nach zu urteilen animiert es Menschen im RL zu reparieren.

    Gefällt 1 Person

  2. @solar-punk.org Ich habe das Spiel jetzt seit ein paar Tagen auf dem PC und aber seitdem noch nicht fürchterlich viel Zeit damit verbracht, in den etwa 1,5 Std. Spielzeit die ich bisher habe kann ich sagen:

    Es ist einfach tiefenentspannt. Ich denke das kann man als Hauptfeature und Hauptkritikpunkt sehen – es gibt keine Action, keine Handlung (zumindest keine die mir aufgefallen wäre), keine großen Herausforderungen. Es ist einfach wie eine Modelleisenbahn: Man startet das Spiel mal für eine halbe Stunde, baut seinen digitalen Garten und alles rundherum etwas weiter, erfreut sich an der hübschen Grafik, Soundtrack und der Szenerie um danach wieder etwas entspannter in den Alltag zurückzukehren.

    Was den Solarpunk Aspekt angeht: Das Setting auf den eher kleinen schwebenden Inseln erzieht einfach zu einer Ressourcenschonenden / Nachhaltigen Herangehensweise. Mal eben „Stripmining“ wie bei Minecraft / Luanti zu betreiben ist nicht möglich, will man genügend Holz haben um seine Hütte weiterzubauen muss wieder aufgeforstet werden. Das ein Baum innerhalb weniger ingame-Tage wächst… naja, es ist eben ein Spiel. Ansonsten bedient sich das ganze eben hauptsächlich bei der Solarpunk Optik.

    Allgemein gefällt mir das ganze bisher – konfliktfreie, ruhige Spiele sind denke ich eine gute Nische für eine konfliktgeladene Zeit.

    Gefällt 1 Person

  3. @solar-punk.org Noch nicht gespielt, aber ist mir hin und wieder begegnet. War mir gar nicht mehr bewusst, dass das Spiel mal herauskommen würde.

    Ich halte das ein wenig wie bei Ghibli. Macht bestimmte Teilaspekte, vor allem Ästhetik sichtbar. Wie können sie sozialen Aspekte durch die Aufmerksamkeitsökonomie dringen? Und was bedeutet es, wenn sie es tun?

    Bestimmt ist aber auch der Erfolg eines kleinen Spiels ein Hinweis auf mehr Sehnsucht nach einer Welt, die sich aus der aktuellen Schieflage versucht zu befreien. Eskapismus. So wie ich deinen Beitrag lese überwindet das Spiel nicht kapitalistisch anmutenden Spielmechaniken. Müsste erfahren, ob Mechaniken greifen, die auch gedankliche Tiere zulassen. Vielleicht Start für andere Spiele Genres? RPG, Plattformer, Fighter, MOBA?

    Like

Hinterlasse einen Kommentar