Was passiert eigentlich, nachdem die Welt gerettet wurde? Diese Frage stellen sich die wenigsten Klima-Utopien – die meisten enden dort, wo die Transformation beginnt, oder zeigen uns eine bereits stabile, befriedete Zukunft. Nick Fuller Googins wagt sich mit „Der Plan zur Rettung der Welt“ an ein deutlich unbequemeres Terrain: eine Welt, die es fast geschafft hat. Und genau darin liegt die Sprengkraft dieses Romans für Solarpunks.

Eine Welt im Umbau
Die Erde, die Googins entwirft, hat sich radikal verschoben – buchstäblich. Die bewohnbaren Zonen haben sich Richtung der Pole verlagert: Grönland, Kanada, Russland und die Pole werden zu neuen Zentren des Lebens, während die Gürtel dazwischen häufig unbewohnbar geworden sind. Städte haben sich nicht nur physisch, sondern auch sozial neu erfunden. New York etwa hat gelernt, mit seinen Hurricanes zu leben, statt nur gegen sie anzukämpfen – die Energie der Stürme wird in Batterien gespeichert. Ein wunderbares Bild für Zusammenarbeit mit den Kräften der Natur statt Dominanz über sie.
Auch ökonomisch hat sich einiges verschoben: Konzerne – selbst so ikonische Kapitalismus-Klassiker wie McDonald’s – sind zu Kooperativen in Arbeiter:innenhand geworden. Ein Grundpfeiler dieser neuen Welt ist der Green New Deal, der als eine Art globale Wiederaufbaubewegung funktionierte: Feuerwehreinsätze, gigantische Bauprojekte, Aufforstungen, verzahnt mit Bewegungen rund um den Globus.
Die Revolution ist nie fertig
Doch Googins begnügt sich nicht mit dieser positiven Vision – und genau das macht „The Great Transition“ so lesenswert. Der Roman stellt eine Frage, die sich in den seltensten utopischen Erzählungen findet: Wann ist eine Revolution eigentlich vollendet?
Der Green New Deal, so zeigt der Roman eindrücklich, ist kein Selbstläufer. Das politische Programm ist gigantisch und ambitioniert, aber es wird auch schnell von den Mächtigen ausgenutzt – Die Wall Street in Manhattan soll flutsicher gemacht werden, Löscheinsätze konzentrieren sich auf reiche Villenviertel, und Unternehmen bereichern sich an den bereitgestellten Mitteln. Menschen mit viel Einfluss, die viel zu spät auf die Transformation eingeschwenkt sind, haben erst vom Fossilismus und dann vom Green New Deal profitiert und sitzen jetzt teilweise wieder in Entscheidungspositionen. Ihre Rolle im Wandel ist hoch umstritten – von machen als Leistungsträger gefeiert, werden sie von anderen als Zerstörende Klasse gehasst.
Zu Beginn des Romans werden einige von ihnen von einer Geheimorganisation ermordet – eine dunkle, unbequeme Volte, die der Roman nie ganz auflöst. Ist das Selbstverteidigung, Rache oder Gerechtigkeit? Welches Signal sendet ihre Rolle im Wandel, ihre Straflosigkeit, an zukünftige Generationen? Ist die Transformation tatsächlich wieder bedroht? Ich weiß nicht wie sehr sich Googins mit Deutscher Geschichte beschäftigt hat, aber für mich werden Parallelen zur (Nicht-)Entnazifizierung Deutschlands in diesem Konflikt sehr deutlich. Der Autor gibt auf die Fragen keine klare Antwort, sondern lässt seine Figuren die Konflikte aushandeln. Diese Ambivalenz ist mutig – und ehrlich. Denn sie erinnert uns daran, dass jeder Wandel Widersprüche in sich trägt, und dass Utopien auch immer zurückgerollt werden können von denen, die mit dem vorherigen Status Quo gut leben konnten.
Ein Highlight des Romans ist im Übrigen eine in Rückblenden erzählte Dokumentation über das Corps – die Freiwilligenstruktur des Green New Deal –, in der gezeigt wird, wie Arbeiter:innen sich den Deal buchstäblich zurückerobert haben, ihn also nicht nur als Werkzeug von oben hinnehmen, sondern selbst gestalten. Wieviel Solidarität in diesem Prozess steckte, wieviel Herzblut, wieviel Hoffnung entgegen aller Wahrscheinlichkeiten. Ein schönes Beispiel für Commoning in Aktion: Institutionen sind nicht neutral, sie werden zu dem, was die Menschen in ihnen daraus machen.
Das Glück der Spät geborenen
Ein Symbol für die Ambivalenz des Wandels ist der sogenannte Zero Day – der Tag, an dem die Treibhausgase auf Netto-Null sanken. Ein historischer Wendepunkt, der gefeiert wird wie ein Nationalfeiertag. Doch für die jüngere Generation im Roman ist er längst zum Besäufnis geworden, die Transformation zur lästigen Pflichtveranstaltung. Sie haben keine Erinnerungen an den Abgrund, an dem die Erde stand, und keine Lust mehr auf die weiterhin notwendigen Freiwilligendienste, die die neue Gesellschaft am Laufen halten und die Zerstörung zurückrollen.
Das ist eine der schärfsten Beobachtungen des Buches: Transformation ist nicht nur Aufbauarbeit, sondern auch Erhaltungsarbeit – und die ist selten glamourös. Wer soll die Deiche pflegen, die Wälder aufforsten, die Communities zusammenhalten, wenn die ursprüngliche Dringlichkeit verblasst ist? Eine Frage, die sich auch reale Bewegungen stellen müssen, wenn der Kampfgeist der Erschöpfung weicht.
Familiendrama
Getragen wird der Roman von drei Hauptfiguren – Emi, Larch und Kristina – deren Familienbande schon länger von den Widersprüchen der Transformation zerrissen werden. Kristina, als Kind in die USA immigriert und in inhumanen ICE-Lagern aufgewachsen, hat ihr Leben vollständig der Revolution verschrieben. Ihre Erfahrungen machen sie skeptisch gegenüber jeder Form etablierter Macht – auch der des neuen Systems. Larch war in jungen Jahren ebenso engagiert wie seine Frau, hat sich später aber auf seine Rolle als Vater zurückgezogen und will ihrer Tochter Emi eine behütete Kindheit ermöglichen. Emi wiederum ist zerrissen zwischen den Ambitionen ihrer Eltern für sie. Beide Elternteile tragen offensichtlich Traumata mit sich, geboren aus dem Verlust der eigenen Eltern und dem Miterleben immenser Zerstörung, und waren nie in der Lage diese Fragen für sich aufzulösen.
Diese Familienkonstellation ist mehr als ein persönliches Drama – sie ist ein Sinnbild für die Bewegung selbst: Zwischen radikalem Engagement und Aufopferung und dem Bedürfnis nach Care und Rückzug, zwischen Misstrauen gegenüber Institutionen und dem Wunsch, in ihnen etwas Neues aufzubauen. Als Larch und Emi in die Gefahren rund um die „zerstörende Klasse“ hineingezogen werden, wird sichtbar, wie eng persönliche und politische Konflikte miteinander verwoben sind.
Fazit
„The Great Transition“ ist kein bequemes Buch. Es zeigt uns keine fertige Utopie zum Verweilen, sondern eine Welt in permanenter, fragiler Aushandlung. Genau das macht es zu einer wichtigen Lektüre für alle, die sich – wie dieser Blog – mit den Prinzipien von Dezentralität, radikaler Demokratie und Commoning beschäftigen. Denn diese Prinzipien sind keine einmal erreichten Zustände, sondern fortlaufende Praktiken. Sie müssen immer wieder neu verteidigt, gepflegt und mit Leben gefüllt werden.
Der Roman erinnert uns daran, dass Solarpunk nicht das Ende der Geschichte ist, sondern ein andauernder Prozess des Ringens, Pflegens und Neuverhandelns. Eine lohnende, herausfordernde Lektüre für alle, die sich nicht nur nach schönen Bildern einer besseren Zukunft sehnen, sondern auch nach ehrlichen Geschichten darüber, wie schwer – und notwendig – es ist, sie zu erhalten.