Ich habe in letzter Zeit kaum Buchrezensionen geschrieben, weil das Format mich tbh inzwischen etwas ermüdet. Das heißt aber nicht, dass ich keinen guten Solarpunk gelesen habe – und ich freue mich, wenn noch mehr Menschen von diesen Schätzen erfahren! Für diejenigen von euch, die hier auch nach Buchtipps gucken: Hier sind 9 tolle Solarpunk-Geschichten.„
The Blossoming of the Big Tree
Solarpunk meets Africanfuturism. Diese Novelle von Dilman Dilla spielt in einer zukünftigen afrikanischen Föderation (grobauf dem Gebiet des heutigen Uganda), die in einer Revolution ihre Regierung entmachtet und radikale dezentrale Demokratie durchgesetzt hat.
Die Hauptfigur Adita ist eine autistische (oder zumindest autistisch gedodete?) alte Frau, die eigentlich nur ihre Ruhe haben will und mit der Gemeinschaftlichkeit des Lebens hadert. Sie wird auf den Posten einer Art Verteidigungsministerin gelost und nimmt diesen an, um bei ihren auf Kollektivität bedachten Nachbar:innen nicht in Ungnade zu fallen. Das allein wäre schon ein spannender Konflikt. Leider sucht sich das benachbarte, autoritär regierte Kenia gerade diesen Moment aus, um einen Krieg in die Föderation zu tragen. Wie geht eine Solarpunk-Gesellschaft, in der Gewaltlosigkeit und Transparenz wichtige Werte sind, mit drohender Waffengewalt und Überwachung um?
In einem Land nach unserer Zeit
Diese Trilogie von Annette Schaumlöffel beschreibt die Welt in ca. 500 Jahren, nachdem ein misslungener Geo-Engineering-Versuch eine neue Eiszeit hervorgebracht hat. Der erste Band erzählt vor allem die Vorgeschichte, in der Hauptfigur Ragin zusammen mit ihrem Kollektiv sich bemüht, die Schäden der kommenden Eiszeit einzudämmen, indem zum Beispiel Tier- und Pflanzenarten für eine spätere Wiederaussaat gesammelt werden.
Im zweiten und interessantesten Teil erkundet Ragin nach 500 Jahren Kälteschlaf die neue Welt, in der nur wenige Menschen überlebt haben und mit dem Neuaufbau bedchäftigt sind. Spannend sind hier vor allem die Selbstverwaltungsstrukturen, die je nach Dorf sehr unterschiedlich aussehen, und die Gepflogenheiten zwischen den Dörfern, um trothdem weiter zu kooperieren. Ein besonderes Highlight ist ein Dorf, das von Menschen und unterschiedlichen Menschenaffenarten geteilt wird.
Der Dritte Teil fiel für mich leider etwas ab. Hier steht eine autoritäre und mysogyne Gemeinschaft im Fokus, die ihre Privilegienstruktur mit Zwang und Waffengewalt aufrechterhält. Klar, die wird es in Zukunft auch noch geben, und es ist wichtig über sie zu schreiben; das hab ich aber häufig schon besser gelesen, zb in Parabel des Sämanns oder Everything for everyone.
Hyphen
Solarpunk ohne High-Tech: In Hyphen von Louise Meyer befällt ein Pilz Kraftwerke und elektrische Leitungen – außer einzelnen Solarpanelen, die kollektive Kühlschränke und Waschmaschinen betreiben, bleibt von der heute gewohnten Technologie nichts über. Dadurch bricht das, was wir klassischerweise als Wirtschaft verstehen, zusammen.
Umso interessanter sind die Prozesse, die dann einsetzen um das Leben zu reorganisieren. Relativ organisch bilden sich hierarchiearme Gemeinschaften heraus, die die Arbeit kollektiv teilen – und dabei merken, dass es ihnen damit besser geht als vorher.
Der Roman ist gespickt von marxistischen Versatzstücken und Anspielungen, die Fanboys und -girls sicher freuen, und mit etwas wirren Monologen, von denen nicht alle durch die psychoaktiven Pilze ausgelöst wurden.
Ein absolutes Highlight ist die Beschreibung eines Krankenhauses, in der ein zuvor als minderbemittelt geltender Pfleger plötzlich eine zentrale Rolle übernimmt: durch seine freundliche Art kennt er die Krankenhausstrukturen und Mitarbeiter:innen besser als alle anderen und kann deshalb Bedürfnisse und Ressourcen verbinden, als Geld und Prestige plötzlich als Motivation wegfällt.
Louise war auch im Future Histories Podcast zu Gast und hat dort unter anderem über ihren Roman erzählt: https://www.futurehistories.today/episoden-blog/s03/e45-luise-meier-zu-kommunistischem-utopisieren/
La Bella Vita
Sibylle Berg schreibt über ein postrevolutionäres Europa, in dem ein kleine Hackergruppe das kapitalistische System entmachtet hat (Der Roman schreibt wenig über den Übergang und setzt stark auf Deus Ex Machina, um den Fokus schnell auf die Gewöhnung an die neue Welt zu setzen).
In der darauf folgenden Umbruchsphase eignen sich die Menschen kollektiv den luxoriösen Wohnraum in Rom und anderswo an, organisieren sich in selbstorganisierten demokratischen Betrieben und arbeiten an einer Verfassung. Der Roman beschreibt viel Alltag, schafft es aber damit gut zu zeigen, was sich alles geändert hat.
Der Stil ist wunderbar zynisch und episodisch – die Hauptperson hat sich den Auftrag gegeben, die Geschichte des Umbruchs für die Nachwelt niederzuschreiben, weiß aber auch noch viel über die alte Welt. Originell sind hier vor allem die (ehemaligen) Kapitalismus-Fans, die mit dem Wandel mehr oder weniger gut zurechtkommen.
Myrie Zange
Solarpunk meets Herr der Ringe: Myrie Zange ist ein autistischer Zwork (Zwerg & Ork), die im Laufe der Romanreihe zum ersten Mal zur Schule geht. Ihre Schwierigkeiten in sozialen Situationen und sensorischen Empfindlichkeiten stellen sie dort vor Herausforderungen, die sie oft verzweifeln lassen; aber sie findet auch Freund:innen und knüpft liebevolle Beziehungen. Mit diesen Freund:innen nimmt sie an Dem Spiel teil, das einen großen Teil der bisher erschienenen Romane einnimmt – ein fordernder, mehrwöchiger Team-Wettbewerb in virtueller Umgebung, zwischen Survival, Capture-the-Flag und Escape Room – und wächst dabei immer wieder über sich hinaus.
Ich bin sonst kein Fan von Fantasy und erstmal skeptisch, wenn diese mit Solarpunk vermischt wird, aber hier hat die Mischung für mich gut funktioniert – auch weil sich Skalabyrinth extrem viel Hintergrund der Völker ausgedacht hat, um die Welt mit Leben zu füllen. Auch wenn diese Welt dadurch letztendlich nicht „unsere“ Zukunft ist (das macht es mir in Fantasy oft schwer, die Relevanz zu finden), lassen sich z.b. über die realsozialistische Hintergrundgeschichte der Zwerge viele Parallelen ziehen, wie diese Welt zu ihrem jetzigen, fast-utopischen Status Quo gekommen ist.
Ich liebe auch die Herangehensweise ans Schreiben und Publizieren von Skalabyrinth: Die Reihe ist auf sechs Teile angelegt und jeder bekommt ein Sensitivity Reading, was der Darstellung der Diversität extrem gut tut. Die Romane werden zudem als Work-In-Progress mit einem Spendensystem (pay-what-you-can) veröffentlicht. In sich schon sehr Solarpunk! Seht selbst: https://www.skalabyrinth.org/books/Myrie.html
The Terraformers
Spielt auf einem weit entfernten Planeten, Jahrtausende in der Zukunft. Vielen wird das zu abstrakt sein, um noch unter Solarpunk zu laufen. Aber die demokratischen Selbstverwaltungsstrukturen, mit denen sich die Bewohner:innen von Sask-E gegen den Konzern auflehnen, der eigentlich Eigentumsrechte am gesamten Planeten hält, sind hochaktuell – genau wie die Frage, wer überhaupt als Person zählt und damit ein Recht auf Mitbestimmung hat.
[Spoiler!] Annalee Newitz erzählt in drei Zeitsprüngen über mehrere tausend Jahre hinweg, wie sich diese Frage immer wieder neu stellt: Zuerst zwischen Menschen und genmodifizierten, sprechenden Tieren, die für ihre Anerkennung als vollwertige Wesen kämpfen; später kommen sogar noch fliegende Züge dazu, die ein Bewusstsein und eigene Interessen entwickeln. Finden diese Personen eine Möglichkeit, das Schicksal ihres Heimatplaneten selbst bestimmen zu können. Wer sich auf die zeitliche und räumliche Distanz einlässt, findet hier originelle Perspektiven auf die Frage, wer alles als Person gelten kann, welche Ansprüche wir oft abtun – und was Solidarität zwischen diesen Figuren bedeuten könnte.
Saruj
Kevalam ist 18 und hat von der Welt noch nichts gesehen, weil sein reicher Prepper-Vater Saman ihn komplett abgeschottet hat. Er wächst in einer autarken, von der Außenwelt abgeschnittenen Siedlung auf, weil sein Vater fest davon überzeugt war, dass die geldfreie Gesellschaft, die sich nach der sogenannten „Transition“ durchgesetzt hat, nur ein kurzes Intermezzo sein würde – Kevalam wurde beigebracht, dass draußen nur Mord und Totschlag herrscht. Als sein Vater stirbt, verlässt er zum ersten Mal die Siedlung, verursacht dabei einen Unfall und trifft auf Saruj, die als Nomadin unterwegs ist zu einer Wallfahrt von Mystiker:innen, die gemeinsam Böden, Seen und Gebäude „energetisch reinigen“ wollen – unter ihnen auch Menschen, die die Transition selbst noch erlebt haben.
Kevalam schließt sich der Wallfahrt an und muss nach und nach seine tief verwurzelten Ängste vor einer Welt ohne Geld, Grenzen, Polizei und Regierungen überwinden – seine Vorstellung, dass Sicherheit und Gerechtigkeit nur durch Kontrolle garantiert werden können, wird immer wieder auf die Probe gestellt. Bilbo Calvez erzählt das mit ungewöhnlicher Sanftheit: Es geht weniger um politische Programmatik als um einen inneren Bewusstseinswandel, der Güte und Vertrauen an die Stelle von Lob und Tadel setzt. Wer Solarpunk eher spirituell-emotional als technologisch denkt, findet hier eine der interessangesten Visionen einer geldfreien Gesellschaft.
The Lost Cause
Der kleine Bruder von Walkaway: Actiongeladen und clever wie von Cory Doctorow gewohnt, aber ohne allzu abgefahrenen Cyberpunk-Minduploadkram. Es spielt in den USA in der nahen Zukunft; ein gewaltiger, jahrelanger Linksruck hat zum einen einen umfassenden Green New Deal ermöglicht, zum anderen das Land, das Schusswaffen so liebt, weitgehend entwaffnet.
Gleichzeitig ist die MAGA-Bewegung keineswegs verschwunden, sondern schwurbelt nach wie vor von Verschwörungen und versucht wo es geht den Wiederaufbau des Landes zu behindern. Viele, so munkelt man, haben außerdem trotz des Verbots noch geheime Waffenlager.
In diesem Spannungsfeld ist der junge Brooks Palazzo auch persönlich involviert: Sein eigener Onkel Wade gehört zu den unbelehrbaren Wutbürgern, die den Wandel mit allen Mitteln rückgängig machen wollen. Brooks versucht zwischen Studium und Einsätzen im Katastrophenkorps, in seiner texanischen Heimatstadt solidarische Strukturen aufzubauen. Als Klimaflüchtlinge aus überfluteten und ausgetrockneten Südstaaten vor Ort ankommen, entwickelt er mit ihnen zusammen einen Plan, um sein rechtskonservatives Dorf auch langfristig toleranter und bunter zu machen. Doctorow gelingt hier ein packendes Porträt davon, wie zäh und langwierig der Übergang in eine bessere Welt sein kann, selbst wenn die große Systemfrage schon gewonnen scheint.
Semiosis-Trilogie
Ein Meisterwerk, wenn es darum geht nicht-menschliche Akteure in den Mittelpunkt zu stellen. [SPOILER!] Sue Burke erzählt über mehrere Generationen hinweg, wie eine Gruppe menschlicher Kolonist:innen auf einem fremden Planeten lernt, mit dessen einheimischem Leben zu kooperieren, statt es zu unterwerfen. Im Zentrum der Trilogie steht Stevland, eine hochintelligente, kommunikationsfähige Bambuspflanze, die die Menschen zunächst als nützliche Bestäuber und Verbreiter betrachtet – und die im Laufe der Generationen zu einem gleichberechtigten, manchmal auch manipulativen Mitglied der Gemeinschaft wird und schließlich eine eigene Stimme in den Ratsversammlungen der Kolonie bekommt.
Der zweite Band, Interference, erweitert die Perspektive noch einmal deutlich: Eine Delegation von der mittlerweile ökologisch stark angeschlagenen Erde reist zum Planeten, um Kontakt mit den Kolonist:innen aufzunehmen – und trifft auf eine Gesellschaft, die inzwischen weit über simple Kooperation hinausgewachsen ist. Hier wird noch deutlicher, wie sehr sich die Werte der beiden Zivilisationen auseinanderentwickelt haben: Während die Erd-Delegation noch in Angst, Konzernlogik und Profitdenken verhaftet ist, hat die Kolonie längst gelernt, Entscheidungen im Sinne des gesamten Ökosystems zu treffen – auch wenn das bedeutet, dass eine Pflanze mehr politisches Gewicht hat als so manche menschliche Institution.
Der dritte Band erzählt die Geschichte eines Stevland-Sprosses, der zurück zur Erde gelangt ist. Leider wird die Geschichte hier etwas wirr – ich empfehle, nach Buch 2 aufzuhören.
